Schneefrau küsst Schneemann - Leseprobe

Viel Spaß beim Lesen!

KAPITEL 1
Sonntag, 15.12.2013

Rune

Runes Atem formte Wolken, die er in der Dämmerung des frühen Nachmittags kaum sehen konnte. Ende Dezember waren die Tage kurz, dagegen die Socken und Unterhosen lang, dachte er amüsiert, vor allem an Tagen wie diesen. Der Himmel über ihm war schon seit den frühen Morgenstunden grau wie Zinn, und durch die dicke Wolkendecke spähte nicht der winzigste Sonnenstrahl, dafür fiel aber umso mehr Schnee.

Er hatte den Kragen des Parkas gegen die eisige Kälte aufgestellt, und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Trotzdem schlüpfte der Wind durch jede Öffnung, blähte seine Kleidung auf wie einen Luftballon und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Schneeflocken wirbelten durch die Luft, wurden vom Sturm hin und hergetrieben. Er stemmte sich gegen den wütenden Wind, zog die Kapuze wieder bis zu den Augenbrauen und verknotete das Band so stramm, bis er nur noch durch einen schmalen Schlitz in den Sturm linste. Den Schal hatte er schon bei Dina an der Haustür bis über die Nase gezerrt, so dass sein warmer Atem sofort zu Eiskristallen kristallisierte. Puh, war das frostig heute. Lausekalt. Er war froh, dass er so früh von Dina weggekommen war. Natürlich hatte sie gehofft, dass er bei ihr blieb. Schließlich hatte die Polizei allen Einwohnern geraten, nur in dringenden Fällen das Haus zu verlassen. Da wäre er auch am liebsten, vor dem Kamin, eine heiße Tasse in der Hand. Er stapfte weiter durch den kniehohen Schnee, die Hände tief in die Taschen vergraben. Höchste Zeit, wieder ins Warme zu kommen. Bereits in Sichtweite duckten sich die Buchen vor seiner Einfahrt unter dem Wind. Gott sei Dank, nun war es nicht mehr weit.

Liv

Liv rutschte weiter nach vorn, so weit, bis ihre Nasenspitze fast die Scheibe hinter dem Lenkrad berührte, und kniff die Augen zusammen. Verflixt, in der Waschküche konnte man ja keinen Schritt weit sehen. Sie hatte sich wirklich den besten Tag für eine Fahrt über das Land ausgesucht. Ihre Hände krallten sich um das Lenkrad. Wenn ihre Stirn doch nicht so pochen würde. Bei der nächsten Pension musste sie anhalten. Weiterzufahren grenzte an Selbstmord. Sie hätte auf die Polizei hören sollen. Jetzt war es zu spät.

„Verdammte Scheiße!“ Sie lehnte sich noch ein wenig weiter vor. Gleichzeitig bremste sie sachte ab. Wo war die Strasse geblieben? Eben noch lag sie vor ihr wie ein schmutzig-weißes Band, nur der Schnee waberte über den Asphalt, vom Wind getrieben wie Freiwild. Nun, nur einen Lidschlag später, glich alles einer weißen Wüste. Ohne jede Markierung oder Spur. Weißes Nirwana. Der Wind heulte.

Das fehlte noch. Gerade heute. Sie musste doch weiter, so weit von Aalborg und Martin weg kommen, so fern wie nur möglich. Der Sturm hatte mit seinem kalten Atem das Land stillgelegt.

Es ist unverantwortlich, was du hier tust. Ihre Zähne klapperten. Warum war es auch so verdammt kalt im Renault Clio. Die Heizung hatte schon kurz hinter Vejle die letzte Wärme ausgespuckt. Tja, heute war der Tod wohl vorprogrammiert. Entweder würde sie wegen fehlender Sicht einen Unfall bauen oder bei diesen arktischen Temperaturen erfrieren. Sie zog geräuschvoll die Nase hoch.

Der Wagen schlitterte, sie bremste sachte ab und kniff die Augen zu. Da, das war eine Kurve. Es konnte nicht mehr weit sein bis zu einem Bauernhof oder einer Pension. Irgendwo käme sie heute noch unter. Hauptsache weg von der Straße. Hier auf dem Land wimmelte es doch von Bauern. Die vermieteten sicher auch Zimmer an abenteuerlustige Städter, die das Landleben ausprobieren wollten. Wo waren sie alle? Hatte der Schnee sie verschluckt?

Sie schaltete in den zweiten Gang und rutschte in die Kurve. Der Scheinwerfer fraß sich über den Schnee und streifte … Was war das? Ein Reh? Nein, ein Spaziergänger? In der Wildnis? Verzweifelt hämmerte sie ihren Fuß auf die Bremse. Der Clio drehte sich auf dem vereisten Boden, sie riss das Lenkrad herum, und der Wagen versank mit dem Heck im Schnee. Sie ruckte nach vorn. Der Motor erstarb. Verflixt, sie hatte jemanden umgefahren, und das Auto in einer Schneewehe im Nirgendwo versenkt.

Verzweifelt fiel ihr Kopf auf den Lenker. Was würde noch alles kommen? Hatte sie nicht genug schlechtes Karma für den Rest des Jahres gesammelt?

Rune

Milchiges Scheinwerferlicht fräste sich durch die wirbelnden Schneeflocken, und als das Auto um die Kurve schlitterte, sprang Rune erschrocken zur Seite und fiel rücklings in den Schnee. Der Wagen scherte aus, schlingerte, rutschte weiter und versank mit dem Heck in einer Schneewehe. Ein letztes Mal heulte der Motor auf und verstummte. Rune sprang auf, stolperte zum Auto und spähte durch das Seitenfenster an der Fahrerseite. Eine Frau saß am Steuer, das Gesicht lag auf dem Lenkrad, ihr krauses Haar quoll unter der Pudelmütze hervor. Er klopfte an die Scheibe.

„Hallo! Brauchen Sie Hilfe? Geht es Ihnen gut?“

Sie rührte sich nicht. Er versuchte die Tür zu öffnen. Er ruckelte und zerrte, und der Clio schaukelte hin und her. Entschlossen kletterte er auf die andere Seite und hantierte am Griff der Beifahrertür. Vergebens. Sein Stiefel stiess gegen einen Stein. Er bückte sich, schaufelte ihn frei und hämmerte ihn kraftvoll gegen das Glas, das in ein filigranes Muster zersplitterte. Mit dem Ellbogen zertrümmerte er die Scheibe endgültig. Er griff in den Wagen und öffnete die Tür.

„Kommen Sie. Ich helfe Ihnen.“

Der Kopf der Frau fuhr hoch. Sie funkelte ihn an. „Warum zertrümmern Sie meine Scheibe? Sind Sie noch bei Sinnen?“

Rune grub die Fäuste wieder tief in die Tasche. „Tut mir leid, ich dachte, sie wären verletzt. Als sie dort auf dem Lenkrad lagen und nicht reagiert haben, hab ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken!“

„Das ist immer noch kein Grund, meine Scheibe zu zerschlagen. Wie soll ich weiter kommen? Haben Sie auch daran gedacht?“

„Heute kommen Sie nirgendwo mehr hin. Bitte … kommen Sie. Hier draußen ist es zu kalt.“

„Bei offenem Fenster noch viel mehr als vorher!“

„Machen Sie schon. Oder wollen Sie sich in eine Schneekönigin verwandeln?“ Er streckte seine Hand aus. „Sie können bei mir bleiben bis die Straßen geräumt worden sind. Solange will die Polizei überhaupt niemanden mehr draußen sehen.“

„Warum sind Sie unterwegs?“

Rune lachte. „Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit. Es ist nämlich verdammt kalt hier draußen, und der Wind kriecht durch alle Ritzen. Also, steigen Sie schon aus. Die Reparatur bezahle ich Ihnen, aber nur, wenn ich nicht vorher erfriere. Ich habe Sie nämlich nicht in meinem Testament bedacht.“

„Ich denke überhaupt nicht daran, einfach mitzukommen.“

„Machen Sie nicht so ein Theater. Wo wollen Sie denn sonst hin? Das Auto ist geparkt, die Scheibe kaputt, und die Temperaturen sind ungemütlich. Was ich Ihnen biete, ist in jedem Fall besser: Bei mir ist es warm, und Sie bekommen etwas zu essen.“

„Verschwinden Sie einfach …“

„Wo wollen Sie denn hin? Hier gibt es doch nichts.“

„Ich gehe einfach die Straße entlang und suche mir ein Gästezimmer.“

„Da müssen Sie noch einige Kilometer laufen, wenn Sie die Häuser bei diesem Sturm überhaupt sehen. Kommen Sie schon.“

Sie rührte sich nicht, starrte nur verkniffen durch die Windschutzscheibe. Zumindest das, was er im Schein des Parklichts sehen konnte. Mein Gott, was für eine harte Nuss sie war. Wann kam sie endlich? Er hätte am liebsten mit dem Wind um die Wette geheult, so elend war ihm bei der Kälte.

„Unterlassene Hilfeleistung ist strafbar. Also … ich friere. Kommen Sie jetzt?“

Sie schüttelte ihren Kopf, so dass die roten Locken wippten. „Ich kenne Sie doch gar nicht. Da geh ich nicht einfach so mit.“

„Also gut, dann stelle ich mich vor. Ich bin Rune Madsen und wohne auf der anderen Straßenseite, dort, hinter den Buchen, die man nun gar nicht mehr erkennen kann. Klettern Sie aus der Nussschale und kommen Sie mit. Jetzt wissen Sie, wer ich bin.“ Er streckte ihr auffordernd die Hand entgegen. „Vertrauen Sie mir einfach.“

Ihr leicht verwirrter Blick ließ sein Herz einen Satz machen.

„Warum sollte ich das, Rune Madsen?“

„Warum nicht? Immerhin habe ich Ihnen wie ein Gentleman die Tür geöffnet.“

„Davor haben Sie mich vom rechten Weg abgebracht. Das nenn’ ich nicht die feine englische Art.“

Sie lächelte, wenn auch zögernd. Irgendwann im Laufe ihres Lebens hatte sie offenbar gelernt, vorsichtig mit ihrem Lächeln umzugehen.

„Gut. Bei der Ehre meiner Schwestern: Ich werde Sie nicht anrühren.“ Zumindest nicht bevor du selbst es willst, dachte er, angelte den Rucksack vom Beifahrersitz und schulterte ihn. „Wird das was?“

„Ich habe wohl keine andere Wahl.“ Sie krabbelte über den Sitz zu ihm.

Liv

„So, wir sind gleich da. Drinnen ist es gemütlich warm, da tauen wir wieder auf.“

Rune stapfte vor ihr, ihren Rucksack auf den Rücken, die Hände in den Taschen vergraben, und pflügte sich mit einer Schnelligkeit durch den Schnee, dass sie kaum Schritt mit ihm halten konnte. Gott sei Dank konnte sie in seine Spuren treten, was ihr das Gehen etwas erleichterte. Sie passierten die Buchen und bogen in eine Einfahrt ein. Aus dem Weiß der Landschaft schälten sich die Umrisse eines Holzhauses. Etwas abseits stand ein zweites Gebäude, wahrscheinlich eine Garage oder Scheune. Auf dem Platz vor dem Haus warf ein Christbaum sein warmes Licht in die Dämmerung. Sie traten in den Windschatten des Holzhauses. Liv atmete auf. Rune blieb stehen, drehte sich zu ihr und holte mit der Hand aus.

„Also hier wohne ich. Dort hinten ist die Scheune mit Stall, hier ist der Wohnbereich.“

Auf den ersten Blick wirkte das Haus eher praktisch und stabil als elegant. Es war rechtwinklig, hatte die Form eines L. Die Umrisse des Stalls – hatte er dort wirklich Kühe oder Schweine? – konnte sie in den wirbelnden Schneeflocken nur erahnen. Nur der Christbaum, der seine mit Lichtern geschmückten Zweige ausstreckte, ab ihr ein wenig Orientierung. Tja, Lebensretter oder was auch immer Rune war, er war sicher mit jemanden liiert. Ein Weihnachtsbaum auf dem Hof, das sah ganz nach Familienidylle aus. Nach einer Frau, die im Weihnachtstaumel mit den Wichteln um die Wette weihnachtete. Gut für sie, dann war sie nicht allein mit diesem Fremden.

Ein heftiger Schmerz krallte sich in ihr Herz. So viele hatten das, was sie sich immer gewünscht hatte, so lange sie zurückdenken konnte. Eine stinknormale Bilderbuchfamilie und eine Bilderbuchweihnacht. Wenn das Wetter anhielt, war die Bilderbuchweihnacht auch dieses Jahr gebongt. Eins war sicher: Heiligabend gehört zu den wenigen Tagen im Jahr, wo die Menschen sich eine weiße Weihnacht wünschten. Was die meisten sicher Bing Crosby zu verdanken hatten.

Also Bilderbuchweihnacht für alle, aber die klassische Familie würde sie nicht bekommen. Ihre Hand ruhte auf ihren Bauch. Dafür hatte sie schon das schönste Weihnachtsgeschenk erhalten. Ihr Kopf hämmerte immer noch, und sie zitterte wie Pappeln im Wind, so eisig war ihr.

Rune trat unter das Vordach vor der Haustür und stapfte den Schnee von den Schuhen. Der Mann war gut gebaut. Noch ein Grund, warum ihm gleich eine Frau um den Hals fallen würde. Er war der Typ Familienvater, wenn sie sich nicht täuschte. Es konnte ihr ja auch egal sein.

Warum hatte er das Fenster zerschlagen? Sie war doch nur erschrocken gewesen, als er plötzlich aus dem Weiß aufgetaucht war. War er gewalttätig? Cholerisch? Warum nur musste immer alles schiefgehen, was sie anfing? Wie sollte sie bloß die Reparatur des Wagens bezahlen? In ihrem Kopf purzelten die Fragen durcheinander wie die wirbelnden Schneeflocken im Sturm.

Er zog den Schlüssel aus der Jeans, schloss auf und ließ ihr den Vortritt. „Kommen Sie rein. Hier drinnen ist es gemütlich warm.“

Sie stampfte den Schnee von den Stiefeletten und trat ein. Warme Luft schlug ihr entgegen. Im Haus war es dunkel. War doch niemand da?

„Warten Sie, ich mache das Licht an. Ich vergesse immer Licht anzulassen, bevor ich das Haus verlasse. Es wird so früh dunkel.“

Er knipste das Flurlicht an. Zitternd vor Kälte streifte Liv ihre Stiefeletten ab und stellte sie auf die Fußmatte. Rune nahm ihren Rucksack vom Rücken, schälte sich aus seinem Parka, stopfte die Wollmütze in die Tasche und hängte ihn auf. Bei Licht besehen sah er noch besser aus als da draußen. Schlank, eisblaue Augen und dunkelblondes Haar, das mal wieder geschnitten werden musste. Er schaute sie fragend an, so als hätte sie etwas verpasst.

„Wie bitte?“

„Sie träumen mit offenen Augen“, sagte er. „Geben Sie mir Ihren Anorak.“

Er hängte die Kleidung an die Garderobe. Etwas flauschig-warmes strich ihr um die Füsse, schnurrte und schlang den Schwanz um ihren Fuß. Sie sah nach unten. Ein Kater rieb sich an ihren Beinen, schnurrte und mauzte. Liv bückte sich und kraulte ihm den Nacken. Sofort legte er den Kopf zurück, schnurrte zufrieden. Wie weich er war, wo wunderbar wollig.

„Erstaunlich, Che mag Sie.“

Sie runzelte die Stirn. „So, das finden Sie erstaunlich? Warum?“

„Che verteidigt sein Territorium wie sein Namenvetter die Revolution. Für ihn gibt es nur die Familie …“

„Oh je, so lange wollte ich gar nicht hier untertauchen. Nur bis der Sturm aufhört und die Straßen wieder sicher sind.“

„Che hat sich offenbar entschlossen, Sie in die Familie aufzunehmen. Ich erinnere mich nicht, wann er das zum letzten Mal getan hat.“

„Er sollte vielleicht zuerst die anderen Mitglieder fragen.“ Sie sah sich schnell um. Keine Schuhe, weder Frauen- noch Kinderschuhe. Offensichtlich wohnte er hier mit seiner Katze. Und Schweinen und Kühen. Wie auf einem Bauernhof sah es nicht aus … War er ein Ökofreak, der Hühner hielt?

„Kommen Sie, ich mache uns einen Tee. Oder trinken Sie Kaffee?“

„Tee wäre wunderbar.“

Sie rieb sich die kalten Finger, während ihr Blick über das Interieur glitt. Helles Parkett, Glastüren und eine antike Standuhr. Dong-dong-dong-dong.

„Vier Uhr. Das ist doch perfekt für die gute englische Teatime.“

Sie folgte Rune durch eine Tür. Kuschelige Wärme schlug ihr entgegen, als sie die offene Küche betrat, die mit modernsten Haushaltsgeräten ausgestattet war. Dagegen wirkte der rustikale Tisch mit Eckbank wie ein Relikt aus alten Tagen. Andächtig berührte sie mit den Fingerspitzen die Kerben, die das Leben ins Holz gegraben hatte. Der Tisch erzählte viel mehr als die glattpolierten modernen Oberflächen, die Martin bevorzugt hatte. Glatt und unpersönlich, so wie Martin selbst. Ohne Seele.

„Gefällt Ihnen der Tisch?“ Rune öffnete eine Schranktür und holte Tee aus dem Regal.

„Sehr sogar … Das ist ein wunderbares Stück. Ich habe immer von so einem Tisch geträumt. Der muss alt sein.“

„So alt nun auch nicht. Als antik geht er nicht durch, aber ich hänge an ihm. Mein Großvater war Tischler und hat ihn damals als Meisterstück gearbeitet.“

„Er ist wunderschön. So ein Tisch erzählt doch Geschichten.“

„Handeln Sie mit antiquarischen Stücken?“

„Nein, nein“, protestierte sie und lachte. „Ich kaufe nur am liebsten Möbel, die eine Geschichte erzählen, entweder gebraucht oder als antike Sammelstücke.“

Sie schaute sich weiter um. Die Küche ging in ein geräumiges Wohnzimmer mit einem Kamin aus Naturstein über. Abgenutzte, bunte Teppiche sorgten für Gemütlichkeit. Liv schlenderte zum Bücherregal, auf dem sich die Familienfotos um einen Platz stritten. Wieder streifte ein Hauch von Sehnsucht sie. Rune hatte eine Familie, und sie wusste immer noch nicht, wie es sich anfühlte, irgendwo dazuzugehören. Sogar als Kind war sie auf sich selbst gestellt gewesen. Ihr Karmakessel war definitiv randvoll, sie musste bald mal an der Reihe sein mit guten Energien.

„Setzen Sie sich doch, während ich Wasser koche. Möchten Sie eine Kleinigkeit essen?“

„Nein danke, ein warmer Tee ist perfekt.“

Sie schlüpfte auf die Eckbank, stützte ihren Kopf in die Hand und beobachtete, wie Rune Wasser in den elektrischen Teekocher mit Wasser füllte und anstellte. Es lag etwas Beruhigendes in der Art, wie die grauengrünen Blätter in den Einsatz der Glaskanne rieselten. Seine Finger waren schlank und lang, richtige Pianofinger. Also doch kein Bauer. Wie sie sich wohl auf ihrer Haut anfühlen würden? Gott bewahre! Ihr Hirn hatte wohl einen Kälteschock bekommen. Kaum war sie einen Mann los, dachte sie schon an den nächsten. Hatte sie nichts dazu gelernt? Schlimmer konnte es wirklich nicht werden. Gut, dass niemand ihre Gedanken lesen konnte.

Das Wasser fing leise an zu sprudeln, und Rune wandte sich ihr wieder zu, doch sein Gesicht verzog sich besorgt.

„Das sieht nicht gut aus. Was haben Sie denn gemacht?“ Er trat einen Schritt näher, beugte sich zu ihr und musterte ihr Gesicht. „Ihre Stirn, Sie sind ja verletzt.“

„Ach so … Das ist nichts. Ich habe es gar nicht bemerkt.“ Verflixt, sie war noch nie gut gewesen, wenn es ums Lügen ging. Natürlich schoss ihr das Blut ins Gesicht, wahrscheinlich glühten ihre Wangen so tiefrot wie der Weihnachtsstern auf dem Tisch. Sie berührte vorsichtig die Stirn und zuckte zusammen. Die Wunde nässte. „Ich bin mit dem Kopf auf das Lenkrad geknallt.“

„Wahrscheinlich waren Sie darum etwas benommen. Warten Sie, ich hole Verbandszeug.“

Er eilte davon. Sie lauschte dem brodelnden Wasser. Als der Wasserkocher verstummte, goss sie den Tee auf. Nelken und Zimt, er hatte eine Weihnachtsmischung gewählt. Sie holte zwei dickbauchige Tassen aus dem Schrank, und während sie sich wieder auf die Bank setzte, bewunderte sie den hell erleuchteten Christbaum auf dem Hof. Che rollte sich neben ihr zu einer Kugel zusammen. Versonnen vergrub sie ihre Hand in sein Fell und streichelte mit der anderen über ihren Bauch. Rune kam zurück, zog einen Stuhl heran und setzte sich mit gespreizten Beinen vor sie. Er träufelte Desinfektionsmittel auf einen Wattebausch. Behutsam nahm er ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zum Licht.

„Wirklich, es ist halb so wild. Machen Sie sich doch bitte keine Umstände“, wehrte sie verlegen ab. Che sprang auf und kletterte auf ihren Schoß. Sie vergrub ihre Finger wieder in sein dichtes Fell.

„Die Wunde muss nur gesäubert werden. Gleich brennt‘s etwas.“

Als ob sie das nicht schon wüsste. Den ganzen Tag hatte die Schläfe gepocht, aber das würde sie ihm nicht erzählen. Stattdessen blickte sie in seine eisblauen Augen. Behutsam tupfte er das Desinfektionsmittel auf die Hautabschürfung. Instinktiv zuckte sie zurück, denn es brannte wie Feuer. Als er sie wieder berührte, schauderte sie, diesmal allerdings nicht wegen der medizinischen Behandlung. Ihr ganzer Körper kribbelte unter seinen Fingern. An einem andren Tag, in einem anderen Leben, damals als sie noch die naive Liv gewesen war, hätte sie die fürsorglichen Berührungen dieses Mannes genossen. Nicht heute. Männer taten ihr nicht gut, sie musste sie meiden. Sie baute sich gerade ein Leben ohne sie auf. Energisch schob sie seine Hand weg.

„Nur noch einen Augenblick. Ich bin fast fertig.“ Er beugte sich vor, sodass sie seinen Atem riechen konnte. Er hatte Schokolade gegessen, das war sicher. „Wer war das?“

„Sie!“

„Ich?“

„Ja, Sie. Ohne Sie wäre ich nicht von der Straße abgekommen und hätte mir den Kopf nicht auf dem Lenkrad gestoßen. Ich sag ja, es ist nicht so wild.“

„Das ist nicht im Auto passiert.“ Sein Gesicht verhärtete sich wie gefrorenes Eis. „Haben Sie den Mistkerl wenigstens angezeigt?“

Sie schwieg. Er überprüfte noch einmal sorgfältig sein Werk, die Lippen schmal aufeinandergepresst. Was ging es ihm an, warum sie hier war? Wer das getan hatte? Trotzdem, sie genoss seine Fürsorge. Wie lange war es her, dass sich jemand so um sie gekümmert hatte? Zutiefst gerührt blinzelte sie eine Träne weg. Sie atmete tiefer und schwerer. Ein zufriedenes Lächeln schlüpfte über sein Gesicht, warm und lebendig wie das Nordlicht in der Winternacht.

.

„Fertig.“

„Danke fürs Verarzten!“

Er nickte gedankenverloren, warf den Abfall weg und nahm seinen Tee. Vor dem Fenster wirbelten flauschige Schneeflocken durch das schimmernde Licht des Christbaums.

„Ich muss kurz rüber zu den Tieren. Ruhen Sie sich inzwischen vor dem Kamin aus. Wenn ich zurück bin, mache ich uns Abendessen.“

Sie trank ihren Tee aus. „Es tut mir leid, aber mit dem Auto komme ich heute nicht mehr weiter. Hoffentlich mache ich Ihnen keine Umstände. So wie es stürmt, werde ich die Nacht bei Ihnen verbringen müssen. “

„Ja, aber nicht mit mir. Keine Sorge.“ Lachfältchen tanzten um seine Augen, und das widerspenstige Haar fiel ihm in die Stirn. Er sah so sexy aus in seinem Jeans, dem nachlässig in den Bund gesteckten Flanellhemd und den nackten Füßen. Sie spürte, wie sie innerlich dahinschmolz. Sieh ihn nicht an, sonst bekommst du auf der Stelle einen Herzschlag. Sie konnte unmöglich in seiner Nähe bleiben.

„Soll ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen? Sie wollen sich sicher vor dem Abendessen ein wenig ausruhen? Schlafen? Baden?“

„Sehr gern, ich möchte mich ein wenig frisch machen. Sie brauchen wirklich nicht zu kochen.“

Er schulterte ihren Rucksack. „Essen muss ich eh‘. Wenn alles fertig ist, hole ich Sie.“

„Also kein Zimmerservice …“

„Wenn Sie es sich wünschen, gibt es den natürlich auch exklusiv für Sie.Allerdings freue ich mich immer über Gesellschaft.“

„Nicht nötig. Ich bin pflegeleicht! Ich komme gerne.“

Sie folgte ihm durch den Flur. Er öffnete die letzte Tür am Ende des Ganges, trat einen Schritt zurück und lies ihr den Vortritt. Das Zimmer, quadratisch, ländlich und in blauen Tönen eingerichtet, wurde von einem Doppelbett dominiert. Bodentiefe Fenster gaben den Blick hinter das Haus frei. Was auch immer dort war, würde sie erst bei Tagesanbruch sehen. Er stellte den Rucksack in den Ohrensessel. Liv schaute sich um. Das Ambiente war so wunderbar gemütlich, fast als wenn er sie erwartet hätte.

„Bevor ich Sie hier übernachten lasse, wüsste ich noch gerne Ihren Namen.“

„Entschuldigen Sie. Habe mich wirklich noch nicht vorgestellt? Das tut mir leid. Wahrscheinlich ist daran meine Kopfverletzung schuld. Liv. Ich bin Liv.“ Verlegen reichte sie ihm die Hand. „Verraten Sie mir doch: Haben Sie mich erwartet?“

„Nein, warum?“

„Das Bett ist frisch bezogen.“

„Ach so … Ein Weihnachtsengel hat mir gestern zugeflüstert, dass jemand eine Herberge suchen wird.“

Sie hob nur ihre Augenbraue in die Höhe.

„Nun ja“, fuhr er fort. „Man kann ja nie wissen, wer von der Straße hier hereingeschneit kommt. Schon als Kind hat mir die Geschichte von Maria und Josef gefallen.“

Er öffnete die Tür links vom Bett. „Hier ist ihr Badezimmer. Den Rest schaffen Sie schon.“

Rune

Auf dem Weg zur Praxis ging Rune noch einmal die Ereignisse der letzten zwei Stunden durch den Kopf. Er hämmerte seine Faust in die Hand. Wieso deckte sie den Schweinehund? Wer hatte ihr das angetan? Livs Wunde war ganz sicher nicht beim Aufprall im Auto entstanden, sondern einige Stunden vorher.

Das sah verdammt noch mal nach einem gewalttätigen Liebhaber oder Ehemann aus, und wenn das stimmte, war es kein Wunder, dass sie zurückgezuckt war, als er ihre Stirn desinfizierte. Oder ihre Angst, das Auto zu verlassen und mit ihm zu kommen. Natürlich, sie wollte keinen Mann an sich heranlassen. Er öffnete die Tür, und Mistelstürmte ihm mit wehenden Ohren entgegen.

Die Labradorhündin stammte aus einem großen Wurf, aber ihre Mutter hatte sie verstoßen. Er hatte sie Mistel getauft, weil er bei ihrer Ankunft in Adventsstimmung gewesen war. In den letzten Wochen hatte er sie mit der Flasche aufgezogen, und obwohl er sie erst vor wenigen Tagen entwöhnt hatte, war sie immer noch ein ungeschicktes Wollknäuel. Rune nahm sie hoch. Sie leckte ihm mit der rauen Zunge über das Gesicht.

„Hast du wieder Wache geschoben? Ja? Ich habe eine Neuigkeit für dich. Du bist nicht mehr das einzige Mädchen im Haus. Heute habe ich eine Schneefrau mitgebracht, auf die müssen wir gut aufpassen. Nein, nein, ist ja gut, du Süße …“ Er lachte und hielt sie ein wenig weiter von sich weg. „Du bist also nicht mehr nur mit Che und mir in diesem Männerhaushalt.“ Er wandte den Kopf zurück, als sie ihm über die Nase leckte. „Sie heißt Liv. Du wirst sie lieben. Sie scheint mir fast genauso einsam wie du, als du vor meiner Tür lagst.“

Wieder kratze die Zunge über sein Gesicht. „Ja, ja, ist ja gut, du Süße, jetzt hast du mich genug begrüßt. Ich weiß ja. Du bist eine ganz wunderbare Aufpasserin.“

Mistel bellte, und Rune stellte sie wieder auf den Boden. Dort fiepte sie und ehe er sich aufrichten konnte, schlüpfte sie sofort wieder in seine Armbeuge. Weich und warm lag sie dort und blinzelte ihn aus Knopfaugen an. Er erinnerte sich, wie begierig sie die Milchflasche gesaugt hatte und nie genug bekommen konnte.

„Ja, du bist mein süßes Baby.“

Einen Lidschlag lang spürte er Trauer, Kummer über all die Dinge, die er nie erlebt hatte und auch nie mehr bekommen würde. Eine Familie und eine Frau, die ihn liebte. Die Geister der Vergangenheit ließen sich nicht in den Hintergrund drängen, zumindest nicht auf Dauer. Am Ende holten sie ihn immer wieder ein, so wie heute, und saugten sich Zecken gleich an ihm fest.

Tina hatte ihn verlassen, als er sie am meisten brauchte, nachdem sie Laurits geboren hatte. So groß seine Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit auch sein mochte, das Thema Liebe hatte er seit jenem Tag ein für alle Mal abgeschlossen.

Liv … Wieder schäumte die Wut in ihm hoch. Jemand hatte sie geschlagen. Wer machte so etwas? Er war schon in der Jugend von Mahatma Gandhi begeistert gewesen und hatte sich lange in der pazifistischen Szene ausgetobt. Und noch immer verachtete er jedes Machogehabe, jede Art von Gewalt.

Er setzte Mistel auf den Boden und richtete sich auf. Etwas war diesmal anderes. So wie Liv eben vor ihm gesessen hatte, als er ihre Wunde säuberte, würde sie ihm eine schlaflose Nacht bereiten, nicht nur wegen ihrer Geschichte. Ihre Augen, grün wie der Mistelzweig über seiner Haustür, ihr krauses Haar, das sich wie ein roter Strom über ihren Rücken ergoss und ihre wundervoll geschwungenen Lippen. Wie wäre es wohl sie zu küssen? Er würde sie beide am liebsten im Laufe der Nacht bis zur Atemlosigkeit und zurück treiben.

Verdammt. Er musste Vernunft annehmen. Hatte er wirklich schon vergessen, wie es endete, wenn er eine Frau zu nah an sich heranließ? Diese Hirngespinste, die ihm sein unterzuckertes Hirn vorgaugelten, mussten sofort aufhören. Liv konnte ihm gefährlich werden.

Sein Problem war nicht, dass er nicht mehr an die Liebe glaubte. Er wusste, wie Liebe schmeckte, süß wie gut gereifte Kirschen und bitter wie schwarze Schokolade. Er hatte Tina geliebt, mehr als alles auf der Welt, aber es war nicht genug gewesen. Seine Liebe hatte ihre Beziehung nicht retten können, und sein Problem war, dass er die Folgen der Liebe fürchtete.

Wenn er Liv doch nur irgendwie helfen könnte. Sie hatte sein Herz berührt, viel mehr als er sich eingestehen wollte.

Du hattest schon immer eine Schwäche für Streuner, würde seine Schwester Klara ihn necken. Egal ob Vier- oder Zweibeiner.