Lied des Lebens - Leseprobe

Viel Spaß beim Lesen!

1
Donnerstag, 15. Juni 2017
New York

„Eine weite Reise liegt vor Ihnen.“

Nora lauschte der Wahrsagerin, die mit dem Finger Noras Lebenslinie nachzeichnete. So wie sie mit zusammengekniffenen Augen vor ihr hockte, ganz versunken in ihrer eigenen Welt, erinnerte sie Nora an einen Forscher, der mystische Zeichen entziffert. Genauso fremdartig war ihr Name. Miranda. Das stand zumindest auf dem Schild vor der Tür. Ein Name, wie geschaffen für eine Hellseherin. Offensichtlich war sie nicht zufrieden mit dem, was sie in Noras Handteller entdeckte, denn sie hob den Kopf und strich sich die Haare aus der Stirn. Dann schnalzte sie mit der Zunge.

„Vor Ihnen liegt ein Weg, der nicht immer einfach sein wird. Folgen Sie ihm bis zum Ende, dann erreichen sie ihr Ziel. Schritt für Schritt …“

Boah, diese Pseudowahrheiten! Sie erinnerten Nora nur zu sehr an den einstudierten Text eines Marktschreiers. Ob Miranda immer die gleichen Plattitüden von sich gab? Sie machte doch auch nur ihren Job wie alle anderen. Nora hatte sich mehr erhofft. Zumindest ein paar konkrete Antworten oder klitzekleine Hinweise, wie es jetzt weitergehen sollte. Mom war tot und sie ihren Job los.

Miranda hatte wirklich für jedes erdenkliche Klischee gesorgt. An ihren Ohren baumelten riesige Klunker. Sogar die Kristallkugel lag auf dem Tisch, auch wenn Miranda die nicht einmal angeschaut hatte. Wahrscheinlich sollte dieser Dekogegenstand sowieso nur die Erwartungen der Klienten erfüllen. Nur Mirandas Haar entsprach nicht dem einer Zigeunerin. Weißblond war es, schimmerte hell wie der arktische Sommer.

„Sie glauben, Ihre Mutter hätte Sie verraten“, raunte Miranda weiter. Nora stieß die Luft aus. Sollte sie jetzt nicht lieber abhauen? Wie konnte es sich die Frau so leicht machen? Gab es überhaupt einen Menschen, der sich von seinen Eltern verstanden fühlte? Sie kannte niemanden.

Na gut, sie hatte ihr Geld hier verplempert, und deshalb würde sie sich auch den Rest anhören. Vielleicht kam der Clou, die Offenbarung des Tages, zum Schluss. Als abschließendes Crescendo. Sehr viel Zeit hatte Miranda sicher nicht mehr für sie übrig. Was hatte sie eigentlich erwartet? Eine Antwort auf ihre brennendste Frage? Ein Tipp, wie sie die nächste Miete bezahlen sollte? Hinausgeschmissenes Geld. Davon hatte sie weiß Gott nicht genug, seitdem ihr Vertrag im „Louis“ abgelaufen war. Einen Bühnenvertrag hatte sie auch noch nicht.

Jetzt hielt die Frau inne, riss die Augen auf und starrte fasziniert auf Noras Handflächen. Konnte sie wirklich etwas in ihnen entziffern? Miranda drückte die Hand, als wollte sie eine Zitrone auspressen, kniff die Augen zusammen. Sachte schaukelte sie hin und her. Suchte sie nach einem guten Stichwort für ihre Lügengeschichte?

„Sie suchen Ihren Dad“, flüsterte Miranda schließlich.

Nora schluckte die Grütze unter, die sich in ihrem Hals bereitmachte. Jetzt wurde es interessant. Wusste Miranda etwas über ihren Dad? Mehr als das Übliche? Er war ein Jazzmusiker gewesen und ausgestattet mit einer Stimme, so göttlich, dass Mom ihr Höschen fallen gelassen hatte.

Miranda starrte noch immer auf Noras Handteller. Ihre Stimme veränderte sich, wurde tiefer. Fast schien es, als käme sie von weit her.

„Das Geheimnis um Ihren Dad wird Sie mit anderen Menschen zusammenketten. Für immer. Noch heute werden Sie …“

„Mein Dad hat geheiratet? Hab ich Geschwister?“ Schön wär’s. Dann wäre sie nicht mehr ganz allein auf der Welt.

Miranda ließ Noras Hand los. Ihr Blick war verschleiert. „Ich kann Ihnen nichts mehr sagen. Gute Reise.“

Nora erhob sich. Sie spürte jeden Knochen, so sehr hatte sie sich unter der Sitzung angespannt. Steifbeinig stakste sie zur Tür. Als sie die wackeligen Stufen herunterkletterte, schwappten die Geräusche der Kirmes über sie wie eine Riesenwelle. Dosenbeschallung, kreischende Menschen, feilbietende Losbudenverkäufer. Ihre Hand wanderte in die Jackentasche. Dort ertasteten ihre Finger die zackigen Kanten der Briefmarke. Wenn sie Miranda doch glauben könnte! Das war doch nur Show gewesen. Ein Schuss ins Blaue! Aber woher wusste sie das mit ihrem Vater?

„Lose, drei für zwei Dollar, eines für einen … Nutzen Sie die Chance Ihres Lebens. Bei uns gewinnen Sie immer, wir haben keine Nieten. Keine Nieten. Nur Gewinne. Kaufen Sie Lose!“

Der Losverkäufer, ein drahtiger Kerl mit vorstehenden Zähnen und Frettchenaugen, baute sich vor ihr auf. „Wie viel ist Ihnen Ihr Glück wert, Schätzchen?“

„Das Schätzchen können Sie sich für jemand anderes aufsparen. Das, was ich brauche, kann man nicht kaufen.“

„Jaja, die wichtigen Dinge sind gratis. Versuchen Sie trotzdem ihr Glück. Ich sag Ihnen, bei uns gewinnen Sie immer.“

„Gut möglich, aber ich brauche keine Plüschbären zum Schmusen.“ Nora zeigte auf die in ordentlichen Reihen aufgestapelten Gewinne. An der hinteren Wand des Schauwagens tummelten sich Bären in allen Größen und Farben. Ein Paddington mit Koffer und Hut war auch dabei.

„Und was ist mit den anderen Prämien?“

„Bei meinen Kochkünsten helfen auch keine Küchenmaschinen.“

Der Verkäufer beugte sich so weit vor, dass sie seinen Atem riechen konnte. Minze. Er kaute Kaugummi. Sanft öffnete er ihre Hand, drückte ihr ein Los in die Faust und schloss die Finger um das Papier. „Das ist ein exklusives Los, nur für Sie.“

„Aber …“

„Das geht aufs Haus. Ich hab so ein Gefühl, dass Sie es brauchen.“

„Ach nee! Und warum?“

„Wollen Sie das wirklich wissen? Echt?“

„Klar.“

„Sie sehen so verlassen aus, als wenn es niemanden mehr gibt, der Sie hält. Als Sie eben aus Mirandas Wagen kamen, waren Sie weiß wie Neuschnee. Egal, was Sie jetzt glauben, aber Miranda weiß genau, worüber sie redet. Warten Sie es nur ab.“

„Sie hat mir das Übliche verklickert. Eine Reise, Geheimnisse und den Hauptgewinn … “

„Einen Gewinn? Dann ist das Los vielleicht ein Anfang. Na, machen Sie es schon auf.“

„Natürlich, ich gewinne einen Teddy, der mich tröstet.“ Sie lachte nervös und öffnete die Hand. Ein Papierröllchen, blassrosa, wie ein winziger Samen. Ein Band hielt das Los zusammen. So wie es jetzt noch alle Wünsche und Träume zusammenhielt. Was würde passieren, wenn sie das Röllchen öffnete? Würde sie wirklich etwas gewinnen? War dann der Zauber weg? Oder ging es danach erst richtig los? Das hier war doch alles Quatsch! Trotzdem flatterte ihr Herz vor Aufregung wie ein wild mit den Flügeln schlagender Kolibri. Was wäre, wenn heute etwas ganz Verrücktes passieren würde?

„Nun machen Sie schon. Ich kann nicht den ganzen Abend hier herumstehen. Zeigen Sie mir, was Sie gewonnen haben.“

Witzig. Er glaubte wirklich, dass sie etwas gewinnen würde.

„Also gut.“ Sie streifte das Band ab, rollte das Papier aus und sperrte die Augen auf. „Das ist ja unglaublich …“

2
Freitag, 23. Juni 2017
Kattegat, Dänemark

Nora drückte auf die Klingel. Nichts. Sie trippelte vor und zurück. Wieder schaute sie auf die Uhr.

Sie war viel zu früh. Normale Menschen arbeiteten um diese Zeit. Mia gehörte ganz sicher zu dieser Spezies. Hätte sie bloß angerufen! Dieser Überraschungsbesuch war keine gute Idee. Nachdem Nora die zweitausend Dollar auf der Kirmes gewonnen hatte, war sie nach Dänemark geflogen. Die letzten Tage hatte sie Kopenhagen auf der Suche nach ihrem Vater durchpflügt. Alles war so schnell gekommen. Sie war zu beschäftigt gewesen, um sich bei Mia zu melden. Wie ein Schatzsucher hatte sie die Spuren auf der Karte versucht zu entschlüsseln.

Aber jetzt war sie hier. Und sie war bestimmt nicht den weiten Weg aus den Staaten bis nach Dänemark geflogen, um hier vor verschlossener Tür in der Sonne wegzuschmelzen wie Slush-Ice. Außerdem musste sie dringend pinkeln. Wenn nicht gleich jemand die Tür aufmachte, konnte sie sich nur noch hinter den Flieder hocken. Sie schellte noch einmal. Die Klingel schlug im Haus an. Falscher Alarm. Boah, sie presste die Beine zusammen. Das hier sah ihr so ähnlich. Nur noch ein letzter Versuch. Sie verlagerte das Gewicht und schellte wieder, diesmal schriller und energischer.

Gut, jetzt war höchste Eisenbahn. Ihre Blase war ein aufgeblasener Ballon kurz vor dem Knall. Nora warf ihren Rucksack auf die Fliesen und stürzte hinter den Flieder, der im Vorgarten blühte. Sie trippelte mit den Füßen, fluchte, als der Reißverschluss klemmte. Und als er sich nach hektischem Gezerre endlich öffnete, atmete sie erleichtert auf und hockte sich hin. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgemacht. Sie hatte sich das Wiedersehen mit Mia anders vorgestellt. Zumindest nicht in dieser Position.

Nora linste durch die Blätter. Gott sei Dank, es war wirklich Mia, nicht eines ihrer Kinder. Erstaunt schaute sie auf den verwaisten Rucksack, beugte sie sich etwas vor, spähte rechts und links an der Hauswand entlang.

„Hallo? Ist da jemand?“

„Augenblick!“ Nora rappelte sich auf, zog die Hose hoch und wühlte sich aus dem Gebüsch.

Fassungslos starrte Mia sie an. Dann stahl sich ein breites Grinsen auf ihr Gesicht. „Wo kommst du denn her?“

„Aus dem Gebüsch, wie du siehst!“

Mia zupfte ein Blatt aus Noras Haar. „Das sah verdächtig nach einer abgestellten Bombe vor meiner Tür aus.“

Nora umarmte ihre Freundin. „Ziemlich nah dran. Ich hab Schwierigkeiten. Massive Schwierigkeiten.“

„Lass uns darüber reden. Dann sieht die Welt gleich viel heller aus.“ Mia schlang immer wieder die Arme um Nora. „Ich fasse es nicht. Du bist wirklich hier. Also echt …“ Dann trat sie einen Schritt zurück und deutete mit einer Handbewegung an, dass Nora mit ins Haus kommen sollte. „Kommst du vom Flughafen? Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich dich abgeholt.“

„Nein, ich komme von Nørrebro.“

Mia runzelte die Stirn. „Du bist schon länger in Dänemark?“

„Seit letzten Montag …“

„Deinen Mut möchte ich haben! Warum kommst du erst jetzt vorbei? Hoffentlich hast du eine gute Erklärung. Denn sonst bin ich echt sauer.“

Nora folgte Mia in den Flur. Es war angenehm kühl. Unter der Garderobe stellte sie ihren Rucksack auf den Boden, angelte nach dem Geschenk in der Seitentasche. Als sie sich aufrichtete, wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und musterte Mia aus den Augenwinkeln. Sie war kantiger geworden, aber immer noch der Inbegriff einer nordischen Schönheit. Der wuschelige Bubikopf aus der Collegezeit war einem Igelhaarschnitt gewichen. Keine schlechte Entscheidung. Die Frisur betonte Mias Hals. Aber warum rannte sie um diese Zeit in Shorts rum? Das sah verdächtig nach Schlafzimmer aus! War sie krank? Oder legte sie als Mutter keinen Wert mehr auf ihr Äußeres? Das konnte nicht sein. Nicht Mia, die Brille und Schuhe aufeinander abstimmte und am liebsten in der Vogue stöberte. Nora reichte Mia das Mitbringsel.

„Karamellbonbons von ‚Mister Jones‘.“

„Das weißt du noch? O mein Gott, was haben wir für Mister-Jones-Orgien veranstaltet!“

„Tja, nach der letzten Zahnarztrechnung mach ich das nicht mehr.“

Als sie Mias entsetztes Gesicht sah, schlug sie ihr auf die Schulter. „Das war ein Scherz. Genieß sie … “

„Danke, ich werde sie stehend lutschen, um ihrer Würde gerecht zu werden.“

Nora konnte sich die Frage nicht länger verkneifen. „Du bist dünn, siehst müde aus. Geht es dir nicht gut?“

„Müde? Ja, und wie. Letzte Woche hatten wir eine Magen-Darm-Grippe. Alle zusammen. Ausgerechnet jetzt, wo Henrik beruflich einige Wochen in China unterwegs ist. Also hing alles an mir. Ich hab die Kinder versorgt, obwohl ich mich selbst kaum auf den Beinen halten konnte. Die Freuden einer Mutter, sag ich dir …“ Mia seufzte und rieb sich die Augen. „Die Kilos sind gepurzelt wie Dominosteine. Aber alles halb so wild. Viel wichtiger ist, dass du hier bist. Komm, ich mach uns was zu trinken. Und du erzählst du mir alles in Ruhe.“

Nora folgte ihr in die Küche. In der Mitte des Raumes stand eine quadratische Kochinsel mit Barhockern. Ein Tisch, lang genug, um ein Dutzend Gäste zu bewirten, stand vor einer Wand aus Glas. Nora pfiff anerkennend durch die Zähne. Cool. Davon konnte man in New York nur träumen, wenn man sich nicht gerade mit der Trump-Familie, den Vanderbilts oder Rockefellers verschwägert hatte.

„Schwarzer Kaffee, wie früher?“

„Ich hätte lieber was Kaltes. Diet-Coke? Ein Wasser?“

„Cola hab ich nicht im Haus. Magst du Holunderblütensaft? Den haben die Mädchen und ich selbst gemacht.“

„Gerne.“

Nora schaute aus dem riesigen Fenster. Auf der Holzterrasse standen gemütliche Rattansessel mit Kissen um einen sechseckigen Tisch. Sandrohr wippte im Wind. Hinter der Kuppe einer Düne schimmerte das Kattegat, königsblau und mit Schaumkronen betupft. Mia trat neben sie, reichte ihr ein Glas. Auf der Oberfläche des hellen Getränks schwammen winzige Blüten. Mit der anderen Hand schob Mia die Terrassentür auf.

„Komm mit nach draußen.“

Nora zeigte auf das Haus und den Strand. „Das ist fast wie am Cape Cod.“

„Nicht ganz so spektakulär. Die Ostsee ist nicht annähernd so wild wie der Pazifik.“

„Aber die Aussicht ist atemberaubend.“

„Klar, aber wenn man es jeden Tag sieht, vergisst man, wie großartig die Natur ist. Allerdings, wenn ich einige Tage in der Stadt gewohnt habe, fehlt mir die Weite.“

„Das glaub ich dir aufs Wort.“ Nora setzte sich und streckte die Beine aus. „Dein Architekt hat dir eigenhändig so ein Haus gebaut. Das ist total romantisch.“

Mia lehnte sich zurück, trank und stellte das Glas auf den Tisch. „Na ja, eigenhändig hat er das Haus nicht gebaut. Henrik hat sich am Schreibtisch und auf dem Papier ausgetobt. Gebaut haben das Haus andere. Aber jetzt zu dir. Du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet. Ich platze bald vor Neugierde. Hast du ein Engagement bekommen?“

„Nein, ich hab kein Engagement in Dänemark. Und leider auch nicht in den USA.“

Mia stützte den Kopf in die Handfläche und schaute sie an, ohne etwas zu sagen. Sie war schon damals eine gute Zuhörerin gewesen. Wahrscheinlich sollte sie ihr einfach alles erzählen, ohne es zu beschönigen. Mia kannte sowieso die meisten Fakten, nur die letzten Puzzleteile nicht.

„Letzten Monat ist Mom verunglückt.“

„Ja, ich weiß. Es tut mir so schrecklich leid. Was ist eigentlich passiert?“

„Ich bin schuld an ihrem Tod.“

3
Sonntag, 25. Dezember 2016
New York

„Puh, bin ich fertig.“ Nora plumpste auf das zerschlissene Schlafsofa, dessen bessere Tage schon lange zurücklagen. Ihre Mutter hatte über den Bezug eine Flickendecke gebreitet. Die Farbtupfer gaben der Mansarde einen gemütlichen Touch. Nora zog die Beine hoch und schaute sich um. Mom und ihre Wohnung, ein bunter Farbklecks in einer oft grauen Welt.

„Mir sind fast die Ohren abgefallen von der schrillen Stimme von Mrs. Walkers. Wie bittääh? Und ehe ich antworten konnte, schon wieder: Wie bittääh? Wie hältst du das nur aus? Nein, warte, ich hab’s. Deswegen hast du so endlos lange den Truthahn in der Küche tranchiert. Du bist geflüchtet und hast mich mit den schrägen Alten allein gelassen.“

„Oh, jetzt hast du mich glatt erwischt!“ Ihre Mutter grinste über das ganze Gesicht, das jetzt nach dem Abwasch rot schimmerte wie der Glühwein in ihren Keramiktassen. Das Strahlen der Lichterkette auf dem Plastikweihnachtsbaum wechselte von Grün nach Orange.

„An Mrs. Walkers habe ich mich gewöhnt. Da stelle ich einfach die Ohren auf Durchzug. Aber der alte Shimon macht mich immer ganz kribbelig. Wie der das Brot zerbröselt! Und dann die Krumen vom Tisch fegt. Glaubt er, ich sehe das nicht? Hab ich nichts Besseres zu tun, als auch noch an Weihnachten Staub zu saugen? Echt!“

„Hast du ja auch nicht. Morgen kannst du das den ganzen Tag machen.“

„Ich bitte dich.“

„Ist dir aufgefallen, dass er immer krümelt, wenn Mrs. Walkers ihm auf die Pelle rückt?“

„Wirklich? Warum sollte er das tun?“

„Sie ist in Mr. Wojtyla verschossen. Und der alte Knabe ist unsicher wie ein Collegejunge.“

„Ich weiß nicht! Glaubst du wirklich?“

„Du hast wirklich nur Augen für den Truthahn. Sie reicht ihm immer die besten Stücke, hilft ihm beim Auflegen. Wahrscheinlich würde sie ihm auch noch alles in mundgerechte Stücke schneiden.“

„Sie ist doch nur freundlich!“

„Dann erklär mir doch bittäh, warum sie immer Schlagseite zu ihm hat? Bei der richtigen Zündung könnte zwischen den beiden ein ganzes Neujahrsfeuerwerk losgehen.“

„Ach was, sie sind nur zwei einsame Alte.“

„Einsam schon, alt auch, aber deshalb kann man ja noch Liebe suchen.“

„Shimon Wojtyla hat den Tod seiner Ewa nie überwunden. Er heiratet nie und nimmer mehr, und überhaupt niemanden, der nicht in die Synagoge kommt.“

„Wartens wir’s ab … Wahrscheinlich krümelt er deshalb so nervös vor sich hin, weil er weiß, dass es anders kommen wird.“

Ihre Mutter nippte an ihrer World’s-best-Mom-Tasse und zog die Decke etwas höher; beide waren Relikte aus Noras Schulzeit.

„Warum machst du das eigentlich alles?“

Mom stellte die Tasse auf den Tisch. „Was meinst du mit alles?“

„Du zauberst hier ein Weihnachtsbüfett auf den Tisch, sorgst für kleine Überraschungen, verwöhnst die Nachbarn, gibst ihnen Kekse mit nach Hause. Dabei feiert Shimon nicht mal Weihnachten.“

Mom wedelte abwehrend mit der Hand. „Allein schaffen wir das Federvieh doch sowieso nicht. Außerdem ist Weihnachten das Fest der Liebe.“

„Jaja, ich weiß. Das Fest der Liebe.“

„Und der Familie natürlich auch.“

„Und was ist mit unserer Familie?“

„Wir haben uns. Du bist meine Familie.“

„Aber was ist mit Grandpa? Wann hat dein Dad mit uns Weihnachten gefeiert? Jetzt ist es ja zu spät dafür.“

„Das ist so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann.“

„Ich frag ja nur … Er muss dich doch vermisst haben. Mein Gott, du warst seine einzige Tochter!“

Mutters Augen waren voll Trauer. „Dad war kein schlechter Mensch. Er konnte nur nicht über seinen Schatten springen.“

Nora starrte auf den Weihnachtsbaum. Rot, gelb, grün, blau, weiß, rot. „Weil du dich mit einem Afroamerikaner eingelassen hast?“

„Ach was, das war nicht das Problem.“

„Ich war das Problem, nicht wahr? Die Tochter des Predigers bekam ein Kind und konnte keinen Vater vorzeigen.“

„Bitte, können wir nicht einfach diese alten Dinge ruhen lassen?“

Nora zwirbelte ihre Rastazöpfe um den Zeigefinger. „Nein, ich bin immer noch stinksauer! Ein Fehltritt. Mehr war ich doch nicht für ihn.“

Sie streichelte Noras Wange mit ihrer rissigen Hand. Wie warm sie war. „Ach, Nora, mich macht das doch auch wütend. Vor allem, weil Dad ein Herz für jede schiefe Existenz hatte.“

„Pah! Ein riesiges Herz! Der konnte nicht einmal seine Tochter umarmen.“

„Und ein Grandpa für seine niedliche Enkelin sein, ich weiß.“ Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Er ist an seinen Idealen gescheitert. Ich habe mich unverzeihlich schuldig gemacht. Ein Kind und nicht verheiratet. Weit und breit kein Kindsvater. Aber du hast mich erst auf die richtige Bahn gebracht. Das hat er nie verstanden. Jetzt ist es leider zu spät.“

„Können wir dieses Jahr zu seinem Grab fahren? Dann sagen wir ihm, dass er Mist gebaut hat. Nicht du, sondern er. Ehrlich, Mom, ich hab ihn nie verstanden.“

„Mal sehen … Grandpa und ich haben das gründlich vermasselt. Das macht mich traurig, auch für dich, weil du ihn nie kennengelernt hast.“

„Er hätte den ersten Schritt machen sollen.“

„Ist es nicht egal, wer den ersten Schritt macht? Hauptsache, man kommt sich wieder näher.“

Nora nippte an ihrem Glühwein, um Zeit zu gewinnen. „Würdest du mich nicht mehr sehen wollen, nur weil ich nicht so lebe wie du?“

„Probiere es lieber nicht aus, bei dieser Familiengeschichte!“

„Nein, im Ernst. Das könntest du doch gar nicht.“

Ihre Mutter grinste, zog Noras Kopf zu sich und küsste sie auf die Stirn. „Ich würde verrückt, wenn ich dich verlieren würde. Egal, was du anstellst, du bleibst immer mein Engel.“

Gemeinsam lauschten sie den gedämpften Geräuschen, die aus den anderen Wohnungen drangen.

„Wenn ich doch nicht so wütend wäre …“

„Ach, lass es einfach sausen. Daran können wir jetzt nichts mehr ändern.“

„Und wo soll ich hin mit meiner Wut? Dieser heuchlerische Tyrann; predigt von Nächstenliebe und verstößt seine einzige Tochter. Das stinkt wie Fallobst voller Schmeißfliegen.“

Mutters Blick schweifte aus dem Fenster. Ihre Stimme wurde tiefer, so als wenn sie sich in einer anderen Welt befände. „Damals ging es mir genauso wie dir. Ich war wütend. Verletzt. Traurig. Aber er war mein Dad. Einen anderen bekomme ich nicht mehr. Natürlich hat er mir wehgetan, was glaubst du denn? Auch wenn er es tausendmal falsch gemacht hat. Er hat sein Bestes gegeben. Mehr konnte er nicht. Aber die Wut hat mich verändert.“

„Die Doppelmoral, meinst du wohl. Kirche ist für dich gestorben, oder?“

„Nicht immer so streng. Bei Dad habe ich genug Predigten für den Rest meines Lebens gehört. Jetzt versuche ich sie umzusetzen.“

Nora nippte an dem würzigen Glühwein. Zimt und Nelken und Zitrusfrüchte. Ihre Mutter wusste, wie man mit einer Prise etwas doppelt so lecker machte.

„Du bist tausendmal authentischer als Grandpa.“

„Ich glaube, du musst mal deine rosarote Brille putzen.“

„Die ist schon geputzt. Jeder Junkie durfte hier pennen. Mr. Lark hast du aus der Kneipe nach Hause geschleift. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann das Gästezimmer leer gestanden hat.“

„Du mochtest es nicht, wenn andere hier wohnten.“

„Nicht wirklich.“

„Es tut mir leid, dass ich das damals nicht verstanden habe.“

„Ist schon okay. Willst du es trotzdem wiedergutmachen?“

„Warum nicht?“

„Gut. Du schuldest mir auch noch was für den Abwasch und das Kartoffelschälen.“

„Für die Küchendienste heute?“

„Und die vielen Tage, an denen ich dich mit den Gästen teilen musste.“

„Ach, Engelchen, das mit der netten Mom war wohl doch nicht so prickelnd. Wie kann ich es wiedergutmachen?“

„Gib mir ein klitzekleines Weihnachtsgeschenk.“ Nora knibbelte vor Aufregung an ihrem Nagelbett. Würde ihre Mutter ihr jetzt endlich die Wahrheit erzählen? Bisher hatte sie sie immer wieder vertröstet: Wenn du älter bist, erzähl ich dir alles.

Im Sommer würde sie den Abschluss an der New York Musical School machen. Jetzt war sie alt genug. Und heute war Weihnachten, das Fest der Familie. Zeit für die Wahrheit.

Ihre Mutter legte die Beine hoch und zog sich die Granny-Stripes-Decke, die Nora in einem Anfall von Kreativität vor einigen Jahren für sie gehäkelt hatte, über die Knie. Nora wählte den Frontalangriff.

„Was ist mit meinem Dad? Ich würde ihn jetzt gerne kennenlernen.“

„Nun, er hatte eine göttliche Stimme und liebte Jazz.“

Nora krampfte die Hände zu Fäusten zusammen. Diese Geschichte kannte sie nur zu gut.

„Beantworte einfach meine Fragen: Wie heißt er? Warum hat er sich nie gemeldet? Wollte er mich genauso wenig wie Grandpa? Liegt es also doch an mir?“

Ihre Mutter blickte aus dem Fenster in die Nacht. Plötzlich wirkte sie müde und alt, unendlich traurig.

„Das hat nichts mit dir zu tun. Ich kann dir nicht mehr sagen, als du schon weißt. Damals hab ich serviert, um die Studiengebühren zu bezahlen. Er hat sich in mein Herz gesungen. Aber leider war es das dann auch. Eines Nachts war er einfach weg.“

„Sein Name! Du warst doch nie der Typ für einen One-Night-Stand. Das kannst du mir nicht erzählen.“

„Stimmt, aber kurz danach ging er und tauchte nie mehr auf.“

„Hast du ihn gesucht? Er kann doch nicht von der Bildfläche verschwunden sein. Du warst schwanger! Mit seinem Kind. Du musstest ihm doch erzählen, dass er Vater wird.“

„Damals war das noch nicht so leicht wie heute. Jetzt googelt man alle und alles. Ich verstehe dich nicht. Was ist denn bloß los mit dir?“

„Wirklich nicht? Oder willst du es einfach nicht verstehen? So lange ich zurückdenken kann, hab ich ihn gesucht. Immer hab ich dich nach ihm gefragt. Aber du antwortest mir nie.“

„Warum auch? Wir waren die perfekte Frauen-WG. Es geht doch auch ohne Männer.“

„Was ist damals passiert? Hat er dich vergewaltigt?“

„O mein Gott, Nora, du und deine Fantasie. Ich arbeite in einem Frauenhaus. Da trifft man nicht gerade die nettesten Herren der Schöpfung … Du steigerst dich in etwas rein.“

Moms Hals lief verdächtig rot an, wie immer, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlte. Da war mehr. Sonst würde sie nicht blockieren. Was verschwieg sie?

„Mir fehlt ein Stück von meiner Geschichte. Erst dein Dad, der nichts mit uns zu tun haben wollte. Und mein Vater. Auf meiner Landkarte sind einfach zu viele weiße Flecken.“

„Ich weiß doch selbst nicht, wo er ist.“

Nora ballte die Fäuste so fest zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Dann sag mir wenigstens den Namen der Truppe …“

Shut up! Wir feiern Weihnachten, ich mag nicht in alten Geschichten graben.“

Damit zog sie sich wieder aus der Affäre. Nora presste die Lippen zusammen. Aber nur, weil heute Weihnachten war. Nächstes Mal würde ihre Mutter sich nicht herausreden können.