Das Dünenhaus - Leseprobe

Viel Spaß beim Lesen!

Berlin-Lichtenrade
28. Oktober

VIVIAN

Endlich! Vivian Sangild sank mit einem Seufzer auf den Rücksitz des Taxis und streifte die Pumps von den Füßen. Erleichtert wackelte sie mit den Zehen. Die Gläser ihrer Schildpattbrille beschlugen in der feuchten Wärme des Mercedes. Für Oktober war es empfindlich kalt; polnische Meteorologen hatten einen Jahrhundertwinter vorausgesagt. Vielleicht, so hoffte Vivian, während sie ihre eisigen Hände knetete, gab es dieses Jahr wenigstens weiße Weihnachten. So eine richtige Winterwunderwelt, mit knirschendem Schnee, Tannenbäumen, die sich unter dicken Hauben neigten. Wie würde sie das genießen!

Sie putzte ihre Brille, setzte sie wieder auf die Nase und sah aus dem Fenster. Geräuschlos glitt die Limousine durch die Straßen, an Lichtreklamen vorbei. Schneeregen funkelte im Scheinwerferlicht wie bunte Kristalle. Tropfen klammerten sich an die Scheibe, wurden schwerer, rutschten hinab und zogen eine Spur abwärts. Mit der Hand folgte sie der Spur auf der Innenseite des Fensters, als wollte sie eine Karte entziffern.

Sie hatte einen Grund zu feiern. Nein, zwei, wenn sie ehrlich war. Die Reise nach Oslo hatte ihre Erwartungen bei Weitem übertroffen. Morten würde staunen. Und nach den anstrengenden Wochen würde sie sich jetzt Urlaub gönnen. Aber heute Abend würden sie es sich einfach gemütlich machen; die Ruhe und einander genießen. Es war höchste Zeit, dass sie wieder in ihre Beziehung investierten. Leben war nicht nur Arbeit.

Sie strich über die vom Regen feuchte Plastiktüte. An alles hatte sie gedacht: Lachs, Kaviar und den hellen Myseost mit Sahne, mit der Farbe von gebranntem Zucker. Morten vergötterte diesen norwegischen Ziegenkäse, der wie Karamell auf der Zunge zerging. Vivian holte ihr Smartphone aus der Manteltasche und wählte Mortens Nummer. Sie wickelte eine tizianrote Locke, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatte, um den Finger. Wartete. Schon wieder die Mailbox. Der Ärmste. Wahrscheinlich belagerte diese Galeristin ihn immer noch. Jahrelang hatte er darauf hingearbeitet, in einer renommierten Galerie seine Bilder ausstellen zu dürfen, und nun bestimmte Katarina Dombrowski sein Leben.

Morten, Liebster, äffte Vivian lautlos die Galeriechefin nach, die seit Wochen den Rhythmus ihres Alltags bestimmte. Könntest du vielleicht noch mal kurz kommen …

Nächtelang arbeitete er durch und kam nicht einmal zum Schlafen nach Hause, jetzt so kurz vor der Vernissage. Aber das hatte bald ein Ende. Vielleicht sollten sie sich einen Kurzurlaub gönnen? Nach Mailand oder Rom? Oder an das Kattegat?

„Is` zeitich kalt jeworden …“ Der Fahrer, ein stiernackiger Mittfünfziger, suchte ihren Blick im Rückspiegel und bremste sachte vor einer Ampel ab.

Vivian nickte. „Ja, richtiges Kakaowetter ist das.“

„Schietwetter.“ Der Chauffeur grinste und fuhr wieder los.

Schietwetter hin oder her, es war genau das richtige Wetter für einen gemütlichen Abend zu zweit. Schließlich war heute so was wie ihr Hochzeitstag. Es war der Tag, an dem sie ein paar geworden waren. Wenn Morten doch nicht so vehement Ehe und Kinder, einfach alles, was sie sich insgeheim immer gewünscht hatte, als den unzeitgemäßen Stress der Mittelklasse abschreiben würde.

Schläfrig blinzelte sie aus dem Fenster. Das Taxi passierte die Trabrennbahn Mariendorf und bog kurz darauf in die Lintruper Straße ein. Das Kopfsteinpflaster rüttelte Vivian durch.

„So, da sind wa. Uf`’m Land, da wollten`se ja hin, wa?“ Der bullige Fahrer bremste vor einer zweistöckigen Villa aus der Jahrhundertwende. Vivian schaute hoch. Die Badezimmerfenster waren hell erleuchtet. Vielleicht lag Morten schon im Whirlpool? Dann musste sie das Abendprogramm noch kurzfristig ändern. Sie spürte ein erwartungsvolles Ziehen im Unterleib. Schnell drückte sie dem Fahrer einige Scheine in die Hand. „Ist gut so.“

„Ich saje denn ma` nett danke und wünsche `n scheenen Abend.“

Vivian stieg aus, hob die Kapuze über den Kopf und beobachtete, wie der Fahrer den Rollenkoffer aus dem Kofferraum hob. Er nickte ihr noch einmal zu. Vivian atmete tief ein. Kein Vergleich mit der kühlen Luft in Oslo, sondern modrig feucht roch es, fast wie auf dem Land. Herbst. Die kahlen Äste der Bäume ragten in den Himmel, als wollten sie ins Unendliche greifen. Der Herbst machte Vivian immer wehmütig, erinnerte sie daran, dass alles ein Ende hatte. Sie wandte sich ab und ihr Blick fiel auf den Porsche, der neben Mortens Peugeot parkte. Irritiert furchte sie die Stirn. War das nicht Katarinas Wagen? Die fuhr doch auch Porsche … Verfolgte sie Morten nun schon bis in ihr Zuhause? Oder hatte die Nachbarin Besuch? Aber so ein Auto fuhr ja nicht jeder, schon gar nicht in diesem Viertel, wo Familien mit Kindern lebten. Lichtenrade war trotz allem nicht der Wannsee. Wahrscheinlich nur ein blöder Zufall.

Leise summend zerrte Vivian den Rollenkoffer die Stufen zur Haustür hoch. Sie fischte den Schlüssel aus der Manteltasche und schloss die Tür auf. Im Treppenhaus duftete es verführerisch nach frisch gebackenem Brot. Aus der Parterrewohnung schimmerte Licht durch die gesprungene Milchglasscheibe. Vivian streifte die feuchten Pumps ab und tapste die Holztreppe hinauf. Sachte knarrten die Stufen unter ihren Schritten. Vor Wiedersehensfreude hämmerte ihr Herz, doch sie entspannte sich, als aus der Wohnung Jazz drang. Morten würde sie nicht hören. Sie konnte so viel Lärm machen, wie sie wollte, und würde ihn trotzdem überraschen.

Mit dem Fuß stieß sie die Wohnungstür hinter sich zu. Der Flur lag im gedämpften Licht. Sie ließ den Koffer stehen, legte den Hausschlüssel unter den Spiegel neben der Garderobe. Als sie die Küchentür öffnete, um die Einkäufe in den Kühlschrank zu legen, blieb sie einen Augenblick stehen. Auf dem Herd köchelte etwas Aromatisches. Sie schnupperte und sofort grummelte ihr Magen. Basilikum und Tomaten. Sie hob den Deckel von der Kasserolle und lächelte zufrieden. Minestrone. Ihre Lieblingssuppe. Der Tisch war gedeckt. Zwei Teller und Weingläser.

Ihre Hände wurden nass. Gegen ihre Rippen hämmerte ihr Herz. Sie schlich ins Wohnzimmer. Der Schein der Straßenlampe fiel durch die vom Wind bewegten Äste der Magnolie im Vorgarten und warf tanzende Schatten auf den Boden. Immer noch wummerte die Musik, wurde mit jedem Schritt lauter. Ihr Fuß verfing sich in etwas Weichem, sie stolperte, bückte sich und hielt einen Kaschmirschal in der Hand. Eiskalt rannte es Vivians Rücken herunter. Sie stieß die Tür zum Schlafzimmer auf. Dort war es taghell, gleißendes Licht enthüllte die Wahrheit. Ihr Mund dörrte aus wie ein Flussbett in der Trockenzeit.

Der Futon war zerwühlt. Ein Hemd lag auf dem Boden, dicht daneben eine Hose und ein Seidentanga. Dieser Mistkerl!

Entschlossen riss sie die Badezimmertür auf. Ein Lichtermeer von Kerzen warf einen Schimmer über schwarze Haare. Vivian erstarrte; doch dann sprang die Wut sie an wie ein wildes Tier, und genau in diesem Moment tauchte Morten aus dem Schaum auf, voller Leidenschaft sah er Katarina an. Katarina Dombrowski drehte sich um und starrte Vivian an.

MORTEN

Die Welt hielt still. Morten glaubte zu träumen. Nur dass sich sein Leben gerade zu einem Alptraum entwickelte. Vivian war durch die Badezimmertür gestürmt, starrte ihn an, als er aus dem Schaum auftauchte, und ihre Augen funkelten verdächtig.

Scheiße, was passierte hier? Sie sollte doch erst morgen kommen? Warum war sie hier? Tausend Bilder schossen durch seinen Kopf; die Erregung, die noch vor wenigen Minuten durch seinen Körper pulsiert war, löste sich auf. Wie ein Ballon, der platzte. Das hier musste er ihr erklären. Aber was sollte er ihr bloß sagen? Wahrscheinlich gab es dafür keine richtigen Worte.

„Mistkerl!“, zischte sie, wirbelte herum zur Tür.

„Warte“, schrie er. „Es ist nicht, wie du denkst!“

Vivian rannte aus dem Badezimmer, pfefferte die Tür ins Schloss, sodass die Scheiben klirrten. So ein verdammter Mist aber auch. Katarina hätte niemals hierherkommen dürfen. Zumindest nicht in diesem Aufzug. Ohne einen Fitzel Kleidung am Körper. Plötzlich kam ihm sein Leben wie eine billige Hollywoodsoap vor. Und sein Sprechereinsatz war nicht einen Deut besser. Es ist nicht so, wie du denkst. Herrgott, fiel ihm wirklich nichts besseres ein?

„Da bin ich aber gespannt, was du ihr sagen willst …“ Katarina grinste und nahm das Glas mit dem goldenen Riesling, der neben dem Wannenrand stand, in die Hand.

Die Haustür schepperte. Er sprang auf, Wasser schwappte in einer Kaskade über den Wannenrand. „Fuck, sie ist weg.“

Katarina schwieg, nippte an ihrem Wein und beobachtete ihn. Ihren Fuß legte sie auf den Wannenrand. Sie hatte ja auch keine Sorgen, konnte sich durch alle Betten vögeln, wenn sie wollte, dachte er wütend. Auf Katharina wartete keine angeschissene Partnerin. Er griff nach dem Handtuch und schlang es sich um die Hüfte.

„Ich muss sie noch erwischen“, schrie er und sprang nach vorn, rutschte und ruderte mit den Armen. Mist, das Wasser verwandelte die Fliesen in eine Rutschbahn. Fast wäre er gestürzt.

Er hechtete aus dem Badezimmer. Wie hatte das nur schief gehen können? Vivian würde ihn lynchen, da war er sich sicher. Warum zum Teufel hatte er Katarina mit in seine Wohnung genommen? In Vivians Wohnung, wohlgemerkt. Verdammt, er war ein Idiot.

VIVIAN

Der Schlüssel kratzte über den Lack. Vivian spurtete um den Porsche. Schmerz pochte hinter ihren Schläfen. Rot wie Hass. Rot wie Blut. Rot wie Leidenschaft. Tränen verschleierten ihren Blick, als sie die Spitze wieder und wieder in die Lackierung bohrte und über die glatte Fläche zog. Es gab Grenzen im Leben, die anständige Menschen einfach nicht überschritten. Verdammt noch mal! Männer sind wie Tiere! Dachten sie auch einmal an etwas anderes als an Sex?

Vivian hastete zu ihrem Auto und schloss mit fahrigen Händen die Tür auf. Sie warf den Rollenkoffer und ihre Handtasche auf den Rücksitz und sank in das Polster. Mit dem Handrücken wischte sie sich die Nase und schob sich die Brille ins Haar. Tränen verschleierten ihren Blick. Als sie den Schlüssel ins Zündschloss stecken wollte, zitterten ihre Finger so sehr, dass sie ihn nicht in die Öffnung bekam. Wie wild stocherte sie neben dem Lenkrad herum.

Ehrlich! Was sollte der Scheiß?

Sie versuchte es wieder, aber diesmal landete der Autoschlüssel auf dem Boden. Ein Auto fuhr vorbei, der Lichtstrahl gab ihr Orientierung. Sie fummelte mit der freien Hand neben ihren Schuhen und tastete mit den Fingerspitzen die raue Oberfläche der Fußmatte ab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie die Haustür sich öffnete, und eine Lichtbahn in die Dunkelheit fiel.

Morten! Wagte er es wirklich, ihr hinterherzurennen? Ihr alles zu erklären? Was wollte er ihr bitte schön denn erklären? Er hatte sie doch mit nackten Tatsachen konfrontiert. Zu sagen gab es da nichts mehr. Wie konnte er ihr jetzt unter die Augen treten? Sie sah, dass er das Handtuch um seine Lenden raffte und die Stufen hinuntersprang. Der hatte Nerven! Halbnackt durch die Kälte zu rennen. Hoffentlich fror er sich sein kostbarstes Stück ab!

Da, endlich fand sie den Schlüssel. Sie presste die Finger so hart um den Bund, dass sich die Spitze eines anderen Schlüssels in ihre Handfläche bohrte. Wieder linste sie über das Lenkrad hinüber zum Vorgarten, wo Morten sich das Badetuch fester verknotete, und behielt ihn im Blick. Sie ertastete mit dem linken Daumen die Öffnung des Schlüssellochs. Endlich glitt er ins Schloss. Sie drehte ihn um, der Motor schnurrte und kurz darauf schoss sie rückwärts aus der Parklücke. Morten stürmte auf sie zu und winkte heftig. Sie riss das Lenkrad herum, wich ihm aus, aber er raste weiter bis auf die Straße.

Vivian legte den ersten Gang ein. Morten stand mitten auf der Fahrbahn. Diese Schweinebacke! Sie hupte, doch er wich keinen Schritt zurück. Glaubte er im Ernst, dass sie Bock hatte, sich sein testosterongesteuertes Gewäsch anzuhören? Oder irgendwelche hirntoten Ausreden? Was sie gesehen hatte, war mehr als genug. Dieser Mistkerl … Sie würde ihm zeigen, was sie wollte: Weg, einfach nur weg von ihm. Und ihm am liebsten jeden einzelnen Knochen brechen. Wenn er sich nicht bald von der Straße bewegen würde, würde sie genau das tun.

Mit der geballten Faust hämmerte sie auf die Hupe und gab Gas. Der Peugeot hüpfte, und der Motor sackte ab, als ob ihm die Stimme versagte. Mist. Mist. Mist. Sie hatte den Wagen abgewürgt. Noch einmal drehte sie den Zündschlüssel, das Auto schnurrte wie eine zufriedene Katze. Als sie aus dem Fenster schaute, schüttelte Morten belustigt den Kopf.

Wut loderte in ihr auf. Dieser Affe, was erlaubte er sich? Es reichte! Sie würde jetzt fahren, egal, ob er dort Wurzeln schlug oder nicht. Sollte er doch um sein Leben rennen, wenn sie kam. Vivian trat die Kupplung, hupte und drückte das Gaspedal durch. Der Wagen schoss nach vorn. Morten sprang mit einem Satz auf den Bürgersteig, strauchelte rücklings und ruderte hilflos mit den Armen, während sie an ihm vorbeischoss. Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, raste sie über das holprige Kopfsteinpflaster. Die Brille rutschte über ihre Stirn auf die Nase.

Wie ging es jetzt weiter? Auf jeden Fall ohne ihn. Mit Morten hatte sie abgeschlossen. In der Eile hatte sie nur Handtasche und Koffer mitgenommen. Sie musste abhauen. Weg von Berlin. Auch wenn die Wohnung ihr gehörte und sie ihn hätte rausschmeißen sollen. Das würde sie später machen. Jetzt musste sie weg von Morten. Wenn sie doch nur diesen Tag wie eine unliebsame Datei im Wordprogramm löschen könnte. Markieren und löschen. 28. Oktober. Delete.

MORTEN

Morten stützte sich auf den Ellbogen und stöhnte. Die Rücklichter des Peugeots wurden winziger, bis die Dunkelheit sie gänzlich verschluckte. Vivian war weg! Beinahe hätte sie ihn wie eine wilde Furie über den Haufen gefahren. Sein Lid zuckte nervös.

Ein Hund kläffte. Schritte näherten sich und ein quirliger Mops, ein Fußvorleger mit eingedrückter Nase, tauchte vor ihm auf, spreizte die Pfoten und bellte ihm ins Gesicht. Fauliger Hundeatem. Morten runzelte die Nase angewidert und wich zurück. Ein paar robuste Schnürschuhe traten in sein Sichtfeld. Mortens Augen wanderten über die dazugehörenden Storchenbeine, bis er ins Gesicht einer rüstigen Alten sah. Ihre Haut war runzelig wie eine verschrumpelte Rosine. Die zusammengekniffenen Augen sprühten Funken.

„Ham’Se eejentlich ja keene Scham im Leibe, Mensch? Nackig uff de Straße?“ Der runde Teppichvorleger zerrte aufgebracht an der Leine. „Sind’ Se etwa eener von diesen miesen Kinderschändern?“

„Was?“ Morten funkelte die Alte entgeistert an. Was war das denn für eine Schrulle? „Sind Sie noch bei Trost?“

Sie zeigte mit dem Spazierstock auf ihn. Er folgte der Spitze des Stocks mit den Augen. Das Handtuch hatte sich im Sturz geöffnet und enthüllte seine Scham. Er wollte sich aufrappeln, aber als er sein Gewicht verlagerte, schoss ein stechender Schmerz durch seinen Fuß.

„Fucking bullshit! Jetzt habe ich mir auch noch den Fuß verstaucht.“

„Nee, det is ja wohl nich’ wahr, wat?” Ihr Mops knurrte und zerrte weiter an der Leine.

„Kümmern Sie sich gefälligst um Ihren Köter, und lassen Sie mich in Frieden, verstanden?“

Morten hievte sich hoch, er schlotterte vor Kälte. Zitternd humpelte er durch das Gartentor und weiter bis zur Treppe. Regentropfen, kalt wie Eis, attackierten ihn. Um seinen Fuß nicht zu belasten, zog er sein Bein hinter sich her. Langsam stieg er die Stufen hoch. Erst setzte er den rechten Fuß auf den Absatz und platzierte dann den linken daneben. Krachend fiel die Haustür hinter ihm zu. Der Geruch frisch gebackenen Brotes. Dort war die heile Welt noch vorhanden, dachte er grimmig, als er die Tür der Parterrewohnung passierte. Bibbernd schlang er die Arme um sich. So eine Rutschfahrt der Gefühle, aus dem warmen wohligen Wasser in diese kalte Welt. Er atmete tief ein und hangelte sich mehr oder weniger elegant hinauf in den ersten Stock.

Er war die größte Flasche Berlins! Warum zum Teufel hatte er Katarina mit in die Wohnung genommen? In Katarinas Wohnung? Sie hätten sich überall treffen können. Jetzt war es geschehen, nur weil er sich zu sicher gefühlt hatte.

Oben angekommen, stieß er die Luft aus, schloss er die Wohnungstür hinter sich zu. Er angelte eine Fleecejacke, die er zum Joggen trug, und zog sie über. Bei jedem Schritt schoss ein stechender Schmerz durch seine Fessel. Shit, nächste Woche war die Eröffnung und bis dahin musste er wieder in Form sein.

„Du hast sie nicht zu fassen gekriegt, mon ami?“, rief Katarina. Sie hatte die Musik abgestellt.

„Sie ist abgehauen. Einfach weg.“ Er humpelte ins Wohnzimmer und blickte aus dem Fenster. Von hinten trat Katarina zu ihm. Er spürte ihren warmen Atem durch die Jacke auf seinem Rücken. Alleine ihre Nähe sorgte dafür, dass er an nichts anderes denken konnte, als sie wieder zu schmecken. Katarina war offen für alle Sexspiele, die er sich wünschte. Sie waren ein gutes Team. Im Bett. „Wir hätten nicht hierher kommen dürfen, Katarina.“

Lentement, sachte, sie beruhigt sich wieder. Es geht doch nur um Sex, guten Sex und nicht mehr.“ Ihre Fingerkuppen massierten seine verspannten Schultern.

„Nein“, knurrte er. „Das hier verzeiht sie mir niemals.“

„Wenn du ein gefeierter Maler bist, wird sie heute Abend schnell ad acta legen. Flunker ihr was vor. Sag ihr, dass du zu viel gebechert hast. Kriech auf deinen Knien zu ihr, und sei ein zerknirschter Casanova, dann kriegt sie sich wieder ein.“ Sie trat zu ihm, ihre Finger schlüpften unter die Jacke und strichen über seinen Rücken. Morten stöhnte gegen seinen Willen lustvoll.

„Vivian nicht. Sie hat mich schon geliebt, als ich ein Niemand war, Katarina, und sie wird mich ganz sicher nicht lieben, nur weil ich für andere ein Jemand bin.“

Katarina zog ihm die Jacke von den Schultern und tupfte sanfte Küsse auf seinen Rücken, strich mit der Zunge über seine Wirbelsäule. Die Arme hatte sie um seinen Brustkorb geschlungen und ihre Finger wanderten abwärts.

„Lass mich. Ich muss das wieder in Ordnung bringen.“ Er schloss die Augen, biss sich auf die Lippen und umklammerte ihre Hände.

Bien sûr, natürlich wirst du das in Ordnung bringen. Sie wird dir verzeihen. Und weißt du, warum?“

Er schüttelte den Kopf, hatte keine Lust, die Sache länger zu diskutieren.

La petite braucht dich. Liebe macht schwach.“

„Da bin ich mir nicht mehr so sicher“, murmelte er. „Früher vielleicht, ja, da hat sie mich gebraucht. Aber jetzt …“ Er pflückte Katarinas besitzergreifende Hände, die ihm jeden klaren Gedanken aus dem Kopf zogen, von seinem Bauch und drehte sich zu ihr um. Katarina stand nackt vor ihm, und obwohl sie schon auf die fünfzig zuging, sah sie noch immer blendend aus. Sie war genauso herrschsüchtig wie die russische Zarin, nach der ihr Vater sie benannt hatte, aber das leugnete sie lieber. Katarina pochte auf ihre französischen Wurzeln. Mütterlicherseits. Da hatte es einige Hugenotten gegeben, die in Preußen unter dem alten Fritz Asyl gefunden hatten. Trotzdem war Katarina frankophil bis in die Fingerspitzen.

Er schloss die Augen. Bei diesem Anblick konnte er sich nicht konzentrieren. Seine Gedanken stoben auf wie Spatzen, die auf einen Baum fliegen wollten. Verzweifelt massierte er sich die Schläfen, um einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich muss Vivian erreichen.“

„Dann rufe sie an.“

„Das werde ich auch machen.“

Er humpelte zum Sofa, hob Kissen hoch und warf den schwarzen Kaschmirschal auf den Stuhl. „Wo ist mein Smartphone? Hast du es gesehen?“

„Beim Eingang.“ Katarina nahm Streichhölzer vom Tisch und zündete sich eine Gauloise an.

Morten hinkte auf den Flur, entdeckte das Smartphone auf dem Tisch bei der Garderobe und schnappte es sich. Er drückte Vivians gespeicherte Nummer und schlich zurück ins Wohnzimmer. Ungeduldig trommelte er mit den Fingern auf den Tisch.

„Scheiße, sie nimmt nicht ab … “ Er schleuderte das Gerät aufs Sofa.

„Was hast du denn erwartet?“ Katarina schnippte die Asche in einen Blumentopf und stemmte die andere Hand auf die Hüfte. Ihre Brustwarzen schimmerten rosig. „Lass sie drüber schlafen. Morgen sieht die Welt wieder ganz anders aus.“

„Warum ist sie überhaupt hier aufgetaucht? Sie sollte gar nicht hier sein, sondern in Oslo“, sagte er, ohne eine Antwort zu erwarten. Die Antwort kannte niemand hier im Raum, nur Vivian, aber die war fort.

Die Zigarette glomm auf. Katarina blies den Rauch aus. Im Schein der Straßenlampe wirkte ihr Körper noch trainierter. Wärme schoss in seine Lenden. O nein, nicht jetzt. Er war ihr hilflos ausgeliefert, denn er begehrte Katarina so sehr, wie er schon lange keine Frau mehr begehrt hatte.

„Sie hat dich offensichtlich mehr vermisst, als du sie, mon ami. Aber verlieren will sie dich nicht. Ich weiß, wie wir Frauen ticken. Und wenn alles gut geht, können wir uns immer noch sehen.“

Er sog die Luft tief ein. „Du verstehst gar nichts, Katarina.“ Mortens Auge zuckte nervös. „Vivian ist nicht wie du.“

O là là, und deswegen kannst du die Finger nicht von mir lassen.“ Sie lächelte martialisch. Sofort wurde er steif.

„Ich mein ja nur …“ Er schluckte, als Katarina die Zigarette wieder in den Mund steckte und saugte. Nur ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Wenn sie ihre weichen Lippen um seinen Penis schließen und ihn verwöhnen würde. Ihre Brust hob sich. Er leckte sich über die Lippen, schüttelte den Kopf, um wieder klar zu denken. „Vivian ist keine Frau für Dreiecksbeziehungen. Sie hat Prinzipien.“

„Prinzipien? Wie öde. Kein Wunder, dass du bei mir gelandet bist.“ Katarina warf den Kopf in den Nacken und blies Rauch aus. „Ich rede von einer offenen Beziehung.“

„Für Vivian ist das aber Untreue.“

Katarina legte die Zigarette in den Aschenbecher, schlenderte auf ihn zu. Sie stand so nah vor ihm, dass er ihre harten Nippel sehen konnte. Die alabasterweiße Haut leuchtete. Er liebkoste das Muttermal auf ihrer rechten Wange. Sie hielt seinem Blick stand, lächelte lasziv, ging vor ihm auf die Knie und warf das Badetuch, das er sich um die Hüften geschlungen hatte, auf das Parkett. „Lass uns die verbleibende Zeit nutzen.“