Der Duft von Broken Leaf - Leseprobe

Viel Spaß beim Lesen!

Am Kattegat, nördlich von Kopenhagen, vier Jahre früher

„Ich muss dir unbedingt was erzählen, Klara!“ Toke nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her. Sie lachte glücklich, als sie gemeinsam die Stufen der Holztreppe, die über die steil abfallende Böschung zum Strand führte, hinuntersprangen, so schnell, dass sie japste. Der Wind schob die Wellen an die Küste. Er pustete ihr die Haare aus dem erhitzten Gesicht. Im Sand verlangsamten sie ihre Schritte, und dann, am Strandsaum, wo der Sand feucht und hart war, drehte Toke Klara zu sich und zog sie in seine Arme. Wie gut es war, so umschlungen zu sein. Fast spürte sie sein Herz springen unter seiner Jacke. Was war los? Sie hatte keine Ahnung, was seine Augen so sehr strahlen ließ, aber schon lange hatte er nicht mehr so gelöst ausgesehen. Sein Glück war auch ihr Glück.

„Nun spann mich doch nicht so auf die Folter. Spuck es endlich aus …“

„Weißt du wirklich nicht, was ich dir sagen will?“

„Nein, wie sollte ich?“ Obwohl, sie hoffte, dass es er sie endlich die einzig wichtige Frage fragen würde. Der Ort hier war für ihre Begriffe auch romantische genug. Sie seufzte in freudiger Erwartung, aber als sie sein Gesicht sah, spürte sie es. Nein, auch heute würde er sie nicht fragen, ob sie ihn heiraten wollte. Das Band zwischen ihnen war zu alt und zu tief, als dass sie nichts gespürt hätte. Nein, er würde sie nicht fragen, nicht heute, auch wenn er ihr damit das beste Geschenk überhaupt machen würde.

Toke verstärkte den Druck seiner Arme und zog sie dichter an sich. Sein Gesicht kam näher, sie lachte nun etwas nervös, aber er küsste ihr Lachen weg. Sie spürte seine Lippen auf ihren, schmeckte Kaffee und Lakritze und bog sich nach hinten, die Handflächen auf seiner Brust.

„Stopp, stopp, stopp … jetzt erzähl erst einmal. Küssen können wir danach noch.“

„Aber nein, küssen ist immer wichtiger als alles andere. Ich spanne dich gern auf die Folter.“

Sie trat einen Schritt zurück, grinste spitzbübisch und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Küsse mehr, bevor ich nicht weiß, was los ist.“

„Das wollen wir doch mal sehen“, erwiderte Toke und kam auf sie zu. Sie trat einen Schritt zurück, machte eine Kehrtwendung und rannte den Strandsaum entlang. „Dann fang mich, wenn du kannst.“

Sie flitzte, spürte die Stöße, die bei jedem Auftritt durch ihren Körper jagten und schoss den Strand entlang. Was dachte er sich bloß dabei? Erst machte er sie neugierig und dann hielt er sie? Sie sah sich über die Schulter. Toke war ein ganzes Stück hinter ihr. Das hatte er davon. Sie drehte sich um und winkte ihm zu. Er verlangsamte seine Fahrt, fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten Haare, aber vergebens, denn der Wind spielte sofort wieder mit ihnen. Über ihren Köpfen krächzten Möwen, die im Sturzflug in die brodelnde See tauchten. Gedanken wirbelten durch Klaras Kopf. Was war los? Und wenn sie sich täuschte? Natürlich, das musste es sein. Warum sollte er sie sonst mit an den Strand nehmen, an ihrem Ort, wo sie sich vor drei Jahren bei einer Beach Party kennengelernt hatten? Toke war schüchtern, und manchmal auch unsicher. Sicher fiel es ihm schwer, die Worte zu finden. Deshalb zog er dieses Gespräch heraus. Doch, so musste es einfach sein. Ihr Herz hämmerte. Oh, sie freute sich schon, ihrer Familie den Verlobungsring zu zeigen … Sollte sie ihn ein wenig auf die Sprünge helfen? Nein, sie war nun einmal so romantisch veranlagt wie rosa Zuckerguss und wollte von ihm gefragt werden, ob sie ihn heiraten wollte. Niemals würde sie die Initiative ergreifen. Aber vielleicht konnte sie es anders einfädeln … Er schloss zu ihr auf, leicht verpustet, die Wangen glühten. Den Oberkörper beugte er nach vorn, stützte seine Hände auf die Kniekehlen und atmete aus.

„Und, sagst du mir jetzt, was Sache ist?“

„Ja, du hast mich überzeugt.“

„Also, lass mich raten …“ Sie spitzte ihren Mund und strich sich über das Kinn, so als wenn sie angestrengt nachdenken würde. „Hast du die Beförderung bekommen?“ Vor lauter Aufregung wippte sie auf und ab, zog ihn hoch und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Sag, dass es stimmt! Ich freue mich ja so. Dann können wir endlich …“ Sie biss sich auf die Zunge.

„Viel besser, min lille havfrue.“ Klara wurde warm ums Herz, es explodierte in einer Kaskade von Glückhormonen. Min lille havfrue, meine kleine Meerjungfrau, so nannte er sie immer. Wie die kleine Meerjungfrau wäre sie bereit, auf vieles zu verzichten, nur um bei ihm zu sein, denn sie konnte sich ein Leben ohne Toke nicht mehr vorstellen. Deshalb war sie seine havfrue. Ihr Herz pochte wild. Jetzt würde er sie fragen, denn besser als die Beförderung war nur noch ihre Hochzeit. Es kribbelte in ihrem Körper, so sehr wollte sie einfach nur laut „ja, ja, ja“ rufen. Warum brauchte er so lange, die Worte über seine Lippen zu bekommen? Klar, er war der Typ Mann, dem man jedes Wort aus der Nase ziehen musste, aber was sollte das? Er kannte sie doch! Er wusste doch, dass sie ihn wollte.

„Viel besser?“ Klara fingerte vor Aufregung an ihrem Seidenschal. Nun komm schon, flüsterte die kleine ungeduldige Stimme in ihrem Kopf.

„Ich muss dich etwas fragen.“ Toke schaute sich um und deutete mit der Hand auf einen angeschwemmten Baumstamm. „Setz dich neben mich.“ Wieder prasselte das Glück in ihr wie eine Wunderkerze, voller glitzernder Sterne und Funken. Jetzt war es also soweit. Gleich würde er sie fragen. Ob er sich vor ihr hinknien würde? Was würde er sagen? Sie setzte sich auf das schwarze Holz, zog die Knie an die Brust und umschlang mit ihren Armen die Beine. „Hallo, Erde an Klara, hörst du mir noch zu?“

Wärme schoss ihr in die Wangen. „Natürlich, ich habe nur gerade nachgedacht. Tut mir leid.“

Toke knetete seine Hände im Schoß. Wie süß, so hatte sie ihn noch nie erlebt, so unschlüssig, verlegen wie ein pubertierender Freier. Gar kein Zweifel, heute war der Tag, auf den sie schon so lange wartete. Sie lächelte. Dachte er im Ernst, sie würde seinen Antrag abweisen? War er deswegen so nervös? Aber er wusste doch, wie sehr sie ihn liebte, und mein Gott, wie oft hatte sie ihm gesagt, dass sie mit ihm alt werden wollte.

„Also Klara, ich habe mich ja beworben …“

„Ja, ja, ja“, unterbrach sie ihn ungeduldig und saugte die salzige Luft tief ein. „Du wirst in die internationale Abteilung im Zentrum von Kopenhagen überwechseln. Das hat doch geklappt?“

„Und wie … Du kannst dir nicht vorstellen …“

Sie hob fragend eine Augenbraue. „Nun rück schon raus mit der Sprache. Hast du zwei Sprossen auf der Karriereleiter übersprungen, weil du keine Zeit verlieren willst und deshalb …?“ Sie biss sich wieder auf die Zunge. Fast hätte sie den Antrag ausgeplaudert. Dabei wollte sie doch, dass er sie fragte. Sie kaute auf ihrer Lippe, damit bloß kein Wort aus ihrem Mund entwich. Sie würde jetzt nichts mehr sagen, nur noch zuhören.

„Noch viel mehr.“ Er grinste glücklich, rückte noch näher an sie und legte den Arm um ihre Schulter. „Ich hätte niemals geglaubt, dass ich das erleben würde … Das ist eine fantastische Chance.“

Klara schmiegte sich an ihn. Wie wunderbar, dass er endlich am Ziel seiner Träume war. Obwohl es im Leben ganz sicher andere Dinge gab, die sie für fantastisch und begehrenswert hielt. Viel mehr als eine Sprosse auf der Karriereleiter der Bank. Aber es war sein Leben, also würde sie sich mit ihm freuen. „Wunderbar, Toke. Ich freue mich so für dich. Aber mal ehrlich: So wie du dich für die Stelle ins Zeug gelegt hast, verdienst du diesen Job.“

„Na ja, ganz von allein geht so was ja auch nicht. Schön, dass du dich mit mir freust.“

„Natürlich freu ich mich mit dir. Was denkst du denn? Aber hoffentlich haben wir jetzt bald wieder ein bisschen mehr Zeit füreinander. Du hast so viele Überstunden gemacht.“

„Stimmt, es war heftig in den letzten Monaten. Aber ob es besser wird, dass weiß ich noch nicht.“

Sie knuffte ihn liebevoll in die Seite. „Wenn ich nicht gewusst hätte, dass du so ehrgeizig bist, hätte ich glatt gedacht, du wärst mir untreu. Manchmal habe ich mir ein Foto von dir angeschaut, nur um zu wissen, wie du aussiehst.“

„So schlimm?“

„Viel schlimmer, aber das ist jetzt vorbei.“ Ihr Herz schlug bis in den Hals. Jetzt würde er gleich fragen. Und dann wären sie für immer und ewig zusammen. Sie war ja so schrecklich aufgeregt. Wo würden sie wohl wohnen? In Kopenhagen, damit sie es nicht so weit zur Arbeit hatten? Oder doch ein wenig außerhalb? Dann könnten sie sicher in ein kleines Haus mit Garten investieren. In Valby vielleicht oder  … Ach, das wäre schön, wenn sie Kinder bekämen, sie könnten im Grünen spielen und …

„Klara?“

„Ja, entschuldige, ich war gerade mit den Gedanken woanders.“

„Was man wohl sagen kann.“ Er musterte sie und verzog den Mund ein wenig. „Ist das dein neues Hobby?“

Wärme schoss in ihre Wangen. Mein Gott, hatte er ihre Gedanken gelesen? Warum konnte er auch nicht endlich zur allerwichtigsten Frage kommen.

„Wissen deine Eltern es schon?“

„Nein, du bist die Erste. Denn du bist meine Familie.“

Wieder spülte eine Welle des Wohlgefühls über sie. „Ach Toke, ich bin so froh, dass wir zusammengehören. Ich kann mir gar nichts anderes mehr vorstellen.“

Ich auch nicht, denn …“

„Ehrlich, das weißt du doch.“

„Schon …“

Warum zögerte er? Was war da? Fragte er sie nun doch nicht? Hatte sie sich so sehr getäuscht? Ihre eigenen Wünsche auf ihn projiziert?

Dann kommst du mit mir?“ Seine Augen strahlten, fast sah er erleichtert aus.

„Natürlich komme ich mit. So schnell wirst du mich nicht los. Wir suchen in aller Ruhe eine Wohnung …“

Er nahm ihre Hand und küsste die Fingerspitzen. „Danke, das habe ich nicht zu hoffen gewagt.“

„Was soll das? Wir sind doch ein Paar!“

„Aber du willst ja in der Nähe deiner Familie sein und bist dem Kattegat so verbunden. Ich dachte …“

„Mein Gott, Toke!“ Sie sprang auf, stemmte die Hände in die Seiten und schüttelte den Kopf. „Nun entspann dich mal. Kennst du mich überhaupt? Wir gehören doch zusammen.“

„Ja, natürlich, aber gerade habe ich schon das Gefühl, dass ich dich nicht richtig kenne.“

Sie runzelte die Stirn. Das hier war absolut kein romantischer Heiratsantrag. Das Manuskript musste ganz sicher noch einmal überarbeitet werden. Grundlegend, wenn es nach ihr ging.

„Okay“, er warf die Hände in die Luft, fast entschuldigend. Er hatte also bemerkt, wie sehr seine Worte sie verletzt hatten. „Du weißt ja, ich bin kein Wortkünstler. Ich kann besser mit Zahlen als mit Menschen umgehen. Ich meinte nur: Du überraschst mich immer wieder. Das schaffst du sogar jetzt noch, nach drei Jahren. Du bist unschlagbar gut.“

Na also, es war also nicht so schlimm. Sie atmete erleichtert auf.

„Echt Toke, denk doch mal nach. Nur weil du in Kopenhagen arbeiten wirst, müssen wir nicht gleich umziehen.“

„Ja, Kopenhagen ist natürlich um die Ecke.“

„Und selbst wenn wir dort ein Haus kaufen: Es ist nicht das Ende der Welt. Also, lass uns heute Abend feiern, dass du befördert wurdest und auf unsere gemeinsame Zukunft anstoßen.“

Als er nicht antwortete, stutzte sie, richtete sich auf und versuchte sein Gesicht zu deuten. Irgendwas lief hier falsch. Aber das geliebte schmale Gesicht, die hohen Wangenknochen und das Muttermal auf dem rechten Kinn, es war reglos wie in Marmor gehauen. Er verschwieg ihr etwas. Verdammt, er hatte noch nicht alles gesagt. Die Ader an seiner Stirn pochte. Er wirkte auf einmal so angespannt.

„Was ist, Toke? Es geht nicht um Kopenhagen, oder? Du hast mir noch nicht alles erzählt.“ Ihre Stimme klang auf einmal ganz piepsig.

„Genau, ich hab dir noch nicht alles erzählt.“

„Dann mach es doch endlich.“

Er kämmte sich mit den Fingern die Haare aus der Stirn. „Ich geh nicht nach Kopenhagen.“

„Wo gehst du dann hin?“

„Also“, druckste er herum und knetete seine Hände so sehr, dass seine Knöchel weiß wurden. Weiß wie Möwenschiss. Warum hatte sie plötzlich dieses Bild im Kopf?

„Klara, ich habe mich auch auf eine andere Stelle beworben, aber … Ich dachte wirklich, dass ich niemals in die nähere Wahl käme. Deshalb habe ich dir auch nichts erzählt. Niemanden. Es wäre so peinlich gewesen, wenn ich es nicht geschafft hätte.“

„Was wäre peinlich gewesen?“ Ihre Stimme war jetzt messerscharf. Sie hatte das Gefühl, als wenn sie seine Worte sezieren müsste, um überhaupt zu wissen, was Sache war. Er senkte den Blick und starrte auf seine Füße.

„Ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.“

„Wohin gehst du?“

„Nach New York …“ Ihre Laune veränderte sich schlagartig; so wie das Wetter in diesen Tagen. Strahlend blauer Himmel, und dann, einen Lidschlag später, graue Wellen, aufgepeitscht vom Wind.

„New York?“ Ihr Mund war trocken, als würde Sand zwischen ihren Zähnen knirschen.

„Ja. Ich gehe in die Staaten.“

„Warum das denn? Toke“, sie rang die Hände auf der Suche nach Halt, fand aber keinen. „Was hast du dir denn dabei gedacht?“

„Ich werde an der Börse arbeiten, für die Bank.“

„Scheiße!“ Mehr fiel Klara nicht ein. Sie sackte in sich zusammen, wie ein Fußball, aus dem die Luft entwichen war. Völlig kraftlos fiel sie neben ihm in den Sand.

„Es tut mir leid …“

„Es tut dir leid?“

„Ja.“

„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wie kannst du nur so eine Entscheidung ohne mich treffen?“

„Ich habe doch selbst nicht damit gerechnet. Versteh mich doch. Das ist meine Chance. Ich will mehr. Auch für dich.“

Andere würden wahrscheinlich jubeln und vor Freude einen Stepptanz veranstalten oder einen Luftsprung üben. Emma, ihre Freundin, würde in weniger als zehn Minuten ihren Koffer gepackt haben und fragen, wann es losging. Aber Klara war nicht wie alle anderen. Sie war nicht Emma Larsen, sondern Klara Madsen, und wenn etwas so sicher war wie das Amen in der Kirche, dann wohl die Tatsache, dass sie nicht nach New York wollte. Heute nicht. Morgen nicht und auch nicht in naher Zukunft. Toke wusste das. Immer wieder hatten sie darüber gesprochen. So oft. Das konnte er doch nicht vergessen haben. Seitdem ihr Vater gestorben war, bedeutete ihr ihre Familie alles. Sie würde nicht tausende von Kilometern von ihnen weggehen. Das Leben war so zerbrechlich, auch das Leben der Menschen, die man liebte. Von einer Minute auf die andere konnte man den liebsten Menschen verlieren. Das wollte die nicht noch einmal erleben. Sie hatte es damals geschafft, weil sie ihre Familie hatte. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil diese Menschen sie mit ihrer Liebe stark machten.

„Ich bin doch hier zu Hause.“ Wie kläglich das klang. Sie kaute beschämt auf ihrer Unterlippe, traurig, weil sie nicht die Frau sein konnte, die Toke brauchte.

„Darum geht es doch gar nicht.“

„Für mich schon …“

„Wir kommen doch wieder. Nur jetzt würde ich gern einige Jahre im Ausland leben. Mit dir. Verstehst du das nicht?“

„Nein“, flüsterte sie mit trockenem Mund. „Reicht es dir nicht, dass wir uns hier haben? Das Leben, das wir hier haben? Unsere Familie? Unsere Freunde … warum sollen wir das hinter uns lassen? Zählt das plötzlich nicht mehr?“

Er senkte den Kopf und verschränkte seine Finger. „Natürlich bedeutest du mir alles, aber das Leben hier reicht mir einfach nicht. Wie kann ich dir das nur erklären?“

„Ich bin dir nicht genug? Meinst du das?“ Sie blinzelte die Tränen weg, die sich in ihren Augen sammelten.

„Ich bitte dich. Das hat mit dir nichts zu tun.“

„Was fehlt dir hier? Sag es mir!“

„Kopenhagen ist trotz allem ein Nest. Ich will raus, die Welt sehen, Geld machen, Urlaub in Florida oder auf Hawaii … Mein Gott … ist das so schwer zu verstehen?“

Gedanken schwirrten durch ihren Kopf wie aufgeregte krächzende Möwen auf der Suche nach Beute. Und wenn sie mitgehen würde? Für Toke? Könnte sie ihre Angst überwinden? Als hätte er ihre Gedanken erraten, zog er sie näher an sich. „Bitte, lass uns zusammen die Welt entdecken.“

„Verdammt noch mal, Toke, ich bin stinksauer. Konntest du mich nicht wenigstens vorher fragen? Es geht hier doch nicht nur um dich. “

„Echt? Das willst du wissen?“

„Sicher, es geht doch um uns beide. So eine Entscheidung trifft man nicht allein.“

„Ich habe mich nicht getraut.“

Sie sprang auf, schüttelte resigniert den Kopf und tigerte durch den Sand. Er hatte sich nicht getraut? Was sollte das? Hatte er ihr jemals von dieser Sehnsucht, die weite Welt zu entdecken, erzählt?

„Bin ich jetzt schuld?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Warum willst du mir dann den Schwarzen Peter unterjubeln?

„Verdammt Klara, halt endlich mal den Mund. Das will ich doch nicht. Aber du bist hier doch so verwurzelt. Das hab ich mich nicht getraut, und ich hab doch nicht im Ernst daran geglaubt, dass sie mich nehmen.“

„Stimmt, ich will nicht weg. Warum erwartest du das jetzt von mir? Du kennst mich doch.“

„Ich würde nur so gern mit dir zusammenbleiben. Schlaf noch einmal drüber, bitte.“

„So“, schnaubte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich soll es mir überlegen? Du hast doch vergessen, dass wir ein Paar sind. Ich dachte, wir planen unsere Zukunft gemeinsam.“

„Klara, vielleicht hab ich Mist gebaut und es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Aber für mich ist gerade ein Traum in Erfüllung gegangen, und ich wünsche mir so sehr, dass du mit mir kommst.“

„Und ich soll alles hinwerfen? Einfach weggehen? Meine Arbeit, mein Land und meine Familie hinter mir lassen, nur um in New York zu leben? Da hast du dich geschnitten. Ich werde Dänemark niemals den Rücken kehren.“

„Ist das dein letztes Wort?“

Ihre Stimme wurde schrill. Sie schrie gegen die Brandung an. „Ich dachte, wir wollen dasselbe. Jetzt haust du einfach ab! Ich versteh das nicht.“

„Es ist nur für ein paar Jahre. Was ist dein Problem?“

Sie sah auf das aufgewühlte Meer, Weite ohne Ende. Warum nur fühlte sie sich plötzlich so eingeengt? Sie wollte nicht kleinlich sein. Feige schon gar nicht. Sie wollte doch nur einen Alltag mit Toke, weil sie ihn liebte. Vielleicht sollte sie doch noch einmal drüber schlafen? Etwas zerbrach in ihr, und die Spitzen der Erinnerung bohrten sich in ihr Herz. Selbst wenn sie sich anders entscheiden würde, wie könnte sie Toke jemals wieder vertrauen? Er hatte sie nicht in diese Entscheidung mit einbezogen? Sie wollte eine gleichwertige Partnerschaft.

„Wenn du nicht mitgehst“, unterbrach er ihr Gedankenkarussell, „dann liebst du mich nicht genug.“ Sein T-Shirt spannt über der Brust. Seitdem er aufgehört hatte zu wachsen, als er 1,70 groß war, hatte er trainiert. Und das sah man ihm an. „Ich dachte, unsere Liebe wäre stärker.“

„Echt jetzt? Das wirfst du mir vor? Aber ich liebe dich doch.“ Verzweifelt barg sie den Kopf in den Händen. Hatte sie sich wirklich so sehr in Toke getäuscht? Warum waren ihm Geld und Karriere wichtiger als sie? Was bildete er sich ein? Sie konnte ihre Familie nicht verlassen.

„Warum kommst du dann nicht mit? Ich liebe dich. Gemeinsam schaffen wir alles.“

„Weil man es auch anders herum sehen könnte.“ Sie kramte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und wischte sich die Tränen ab, räusperte sich und fuhr fort: „Man könnte auch sagen, dass du mich nicht genug liebst, um bei mir zu bleiben. Du hast immer gewusst: Ich gehöre hierher.“

Verdammt, schon wieder kullerte eine Träne ihre Wange hinunter.

Kopenhagen, vier Jahre später

Klara knallte die Tür des Fiat Uno zu, der beim dem resoluten Stoß sachte schaukelte wie ein Boot auf den Wellen. Erschöpft lehnte sie den Kopf an die Nackenstütze und schloss die Augen. Obwohl sie jeden Knochen spürte und unendlich müde war, pulsierte ein Lachen in ihr. Yeah! Sie hatte wirklich den Kaufvertrag unterschrieben.

Teetime, ihr Teesalon im Herzen Kopenhagens, würde expandieren, und das Beste war, dass sie den schönsten Laden in Hellerup ergattert hatte. Von den Fenstern sah man direkt auf das Meer. Davon träumte sie schon lange. Sie legte den Rückwärtsgang ein und fuhr los. Seit Toke nach New York verschwunden war, hatte sie geschuftet. Erst Tag und Nacht, um den Schmerz in ihrem Herzen zu vergessen, der wir spitze Scherben ihr Herz verwundete. Geholfen hatte es nicht wirklich. Zumindest hatte sie sich nicht mehr getraut, ihrer tiefsten Sehnsucht ein Gesicht zu geben. Immer noch wünschte sie sich nichts so sehr wie eine Familie, einen stinknormalen Alltag und einen Partner, der sie liebte so wie sie war, und für den sie sich nicht verändern musste, oder eine andere sein. Leider hatte sie mit Toke auch alle ihre Träume begraben, sie hatte niemanden mehr erlaubt, ihr nahe zu kommen. Teetime, war ihr Baby, ihre Ersatzfamilie, ihr ein und alles. Alle hatten den Kopf geschüttelt, als sie bei dem traditionellen Sonntagsessen auf dem Pferdehof ihrer Mutter die Bombe in den Raum geworfen hatte und sich sofort in eine typische Madsen Diskussion verwickelt. Jeder, aber wirklich jeder, hatte wieder seine Meinung und Bedenken ausdrücken müssen. Als wenn sie nicht schon alle diese Gedanken vor ihnen durchdacht hatte. Es war und blieb ihr kleine-Schwester-Schicksal, immer wieder diese Bevormundung auszuhalten. Trotzdem hatte sie noch einmal mit lauter Stimme verkündet. „Ich werde einen Teesalon aufmachen.“

„Was? Wo denn? Hier kommen doch viel zu wenig Touristen, als dass du davon leben kannst.“ Rune, ihr Lieblingsbruder, hatte sich sofort wieder als Big Brother aufgespielt, um sie zu beschützen. Nur dass sie es hasste, wenn sich immer die ganze Madsen Mafia in ihr Leben einmischte.

„Nein, in Kopenhagen, in der Nähe vom Gamle Kongevej.“

„Hoffentlich geht das gut, Klara. So viele Start-Ups gehen Konkurs. Das ist nicht so einfach wie es aussieht. Ich meine, es geht nicht darum, ein bisschen Tee zu kochen und so …“ Nein, seufzte sie innerlich. Ein Teesalon, der im hippen Kopenhagen überleben wollte, musste schon mehr bieten als lieblosen Beuteltee.

„Hast du schon die Räume? Sind sie in einem gutem Stand?“ Das war Henrik, Architekt mit Seele, und er sah wirklich jeden kleinen Fehler in einer Bausubstanz. Sie seufzte wieder und dachte daran, dass sie sich nur so aufführten, weil sie sie liebten. Nur weil sie sie liebten und weil sie ihnen nicht egal war. Aber an einem Tag wie heute wünschte sie sich ganz sicher eine Handvoll weniger Aufmerksamkeit.

„Doch, alles ist in bester Ordnung. Du darfst dir den Raum gern anschauen.“

„Das werde ich ganz sicher machen“, er zog seinen Kalender hervor. „Lass uns gleich einen Termin machen. Passt dir Morgen?“

Mia, Henriks Frau, tätschelte seine Hand. Sie lächelte Klara zu und zuckte mit den Schultern.

„Ruhig Blut, Henrik, jetzt essen wir erst mal. Ihr könnt euch noch später verabreden.“ Dann hob sie ihr Glas und blickte in die Runde, bis sie Klara direkt in die Augen sah. „Klara, ich gratuliere dir zu deinen neuen Aufgaben. Möge der Wind dir immer den Rücken stärken.“ Sie nickte Klara aufmunternd zu. „Und wenn du uns brauchst, dann weißt du ja, wo wir sind.“

Das war typisch Mia. Pragmatisch, feinfühlig. Sie war die erste, die sich für sie freute. Klara spürte, wie sie vor Freude errötete. „Danke, Mia, das weiß ich genauso gut wie du! Danke, dass du an mich glaubst und mir Glück wünscht.“

„Nein, nein, wir glauben doch auch an dich.“ Jetzt stellte Frederik, der alle Konflikte mit gutem Essen löste, eine Schüssel köstlichen Quinoasalat auf den Tisch. „Falls du einen guten Konditor oder so brauchst, kann ich dir vielleicht helfen. Aber jetzt essen wir erst mal.“

Auch das war typisch Frederik. Er verschloss die diskutierenden Münder immer mit gutem Essen – und wer konnte schon streiten, wenn der Bauch voll war? Klara lächelte und füllte sich Salat auf den Teller.

„Guten Appetit“, sagte Sofia Madsen, und ließ ihren Blick über den langen Tisch gleiten. „Ich bin so stolz auf euch. Wie wunderbar, dass ihr alle wagt, euren Traum zu leben.“ Ihre Mutter nickte Klara zu. „Ich bin sicher, du hast die richtige Entscheidung getroffen – und wenn nicht, dass revidierst du sie einfach.“ Wie sie ihre Mutter, so feingliedrig und zart wie eine Elfe, liebte. Sie hatte die Karriere am königlichen Theater aufgegeben, um mit ihrem Mann eine Familie zu gründen. Doch dann war Klaras Vater viel zu früh gestorben. Und ihre Mutter hatte nur noch für ihre Kinder gelebt und war ihnen Vater und Mutter zugleich gewesen. Als Kind, überlegte Klara, war das für sie selbstverständlich gewesen. Wie hätte es anders sein können, aber jetzt, als sie einen verstohlenen Blick auf ihre Mutter warf, dachte sie: Und du? Durftest du deinen Traum leben? Oder hast du ihn für deine Kinder geopfert?

Natürlich hatten ihre Geschwister damals recht gehabt. Bistros und Teesalons schossen nur so aus dem Boden. Wie sollte sie es schaffen, sich gegen die großen Ketten und die fancy Innovatoren zu behaupten? Die großen Labels wie Espresso House oder ? würden sie schneller von der Straße drängen, als sie ihre erste Kanne Tee kochen könnte, hatte ihre Freundin Emma ihr gesagt. Aber sie spürte, dass es die richtige Entscheidung war. Sie musste an ihrem Traum festhalten, vor allem jetzt, wo ihr Lebenstraum mit Toke eine Familie zu gründen, zersplittert war.

Seit jenem Tag im Haus ihrer Mutter waren drei Jahre vergangen, und sie hatte nicht nur ihren Teesalon, sondern würde auch noch eine Filiale eröffnen. Wenn das nicht das ultimative Zeichen war, dass sie es geschafft hatte, dann wusste sie nicht, was sie noch tun sollte.

Der Verkehr war zäh, schrittweise krochen die Autos durch die beengte Fahrbahn. Die Stadt erneuerte die Wasserleitungen unter den Straßen: Baustelle über Baustellen, seufzte sie. Dann Ampeln, alles stockte, wartete. Sie trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. Ach was, von diesem Tempo würde sie sich nicht die Laune verderben lassen. Sie schaltete das Radio an. Irgendwann würde sie heute doch noch nach Hause kommen, doch bis dahin würde sie einer fetzigen Musik zuhören. Wieder eine rote Ampel. Immerhin hatte sie es schon fast bis zum Ende der Østerbrogade geschafft. Während sie wartete, dass die müde Autoschlange sich wieder bewegte, sah Klara sich die Schaufenster in den herrschaftlichen Altbauten an. Ausgeklügelte Dekorationen waren das Markenzeichen vom Østerbro. Zur Weihnachtszeit hatten auch bei ihr alle Kunden Servietten bekommen, die wie Weihnachtsbäume gefaltet waren. Das Ambiente im Teetime war ihr wichtig. Diese kleinen Aufmerksamkeiten, die sie ihren Kunden schenkte, sorgten dafür, dass sie wieder kamen.

Grün. Sie war die erste in der Reihe. Klara legte den Gang ein und düste los, bevor die ungeduldigen Hintermänner ein Hupkonzert veranstalten konnten. Das passierte oft, wenn sie beim Warten vor einer Ampel in Tagträume versank. Aber sie hatte übersehen, dass die Ampel nur für die Linksabbieger Grün zeigte. Nur knapp bremste sie vor einem silbergrauen Volvo, der im selben Moment rechts abbiegen wollte. Starr vor Schreck klebten ihre Finger am Lenkrad. Dann hob sie die Hände und zog die Schultern hoch. Sie lächelte, signalisierte dem Fahrer, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Jeder machte Fehler, das war menschlich. Gottseidank war ja nichts passiert. Doch das sah der beleibte Volvomann anders. Er wuchtete sich mitsamt seinem Bauch aus dem Auto. Den Mittelfinger erhoben, krebsrot im Gesicht, schoss er auf ihren Fiat zu und riss ihre Tür auf.

„Haben Sie den Führerschein gratis bekommen?“

„Schön wär’s nein. Hören Sie, es tut …“

„Ich sag’s ja immer wieder, Frauen am Steuer, das ist doch nicht zu glauben.“ Er versprühte seine Wut mit feuchten Speicheltropfen. Klara glaubte, ihr Trommelfell würde jeden Augenblick kollabieren.

Okay, es war ein Beinahe-Unfall, und sie hatte Schuld. Sie war ganz sicher nicht die weltbeste Autofahrerin, aber sich so anmachen zu lassen für etwas, wo nichts passiert war, das ging entschieden zu weit. Klara stieg aus. Leider war sie nicht besonders hochgewachsen, aber sie streckte sich und baute sich, so gut es ging, vor ihm auf. Die Brust nach vorn, den Kopf hoch erhoben. Sie setzte ihren Alphablick auf. Auch zarte Menschen konnten leiten. Es war alles nur eine Frage der Ausstrahlung und des Selbstbewusstseins.

„Gut gesehen“, konterte sie und streckte sich noch ein wenig mehr. „Ich bin eine Frau, und ab und zu mache ich auch einen Fehler beim Fahren. Doch im Gegensatz zu Ihnen kann ich eins: Mich benehmen!“

„Benehmen?“

„Ja, benehmen … So wie Sie mich anmachen für nichts, das ist doch völlig überdreht.“

„Sie haben mir die Vorfahrt genommen …“

„Ist das Ihr Problem?“

„Mein Problem? Jetzt werden Sie aber nicht frech!“ Seine Augen sprühten regelrecht Funken. Er machte einen Schritt auf sie zu. Wenn hier nicht so viele Zuschauer wären, könnte er handgreiflich werden. Sie hasste Männer, die Frauen schlugen.

„Mein Auto wäre doch an ihrem Flaggschiff zerschmettert. Nun atmen Sie einfach mal durch. Es ist doch nichts passiert. Ich habe mich entschuldigt …“

„Das ist ja wohl die Höhe … Übrigens habe ich Benehmen.“

„Sie haben einen Schlitten, ja, aber Stil wird beim Auto nicht mitgeliefert. Den kann man nämlich nicht kaufen. Und jetzt regen Sie sich endlich ab, steigen Sie wieder ein und fahren weiter, in Ordnung? Wir versperren die Kreuzung.“

Ein Auto hupte. Hinter ihnen stieg jemand aus dem Auto.

„Brauchen Sie Hilfe?“

Klara drehte sich um. „Nein, keine Ursache. Es geht gleich weiter.“

Der Volvomann verfärbte sich noch mehr. Röte stieg von seinem Hals bis in den Kopf. Dunkelrot wie ein reifes Radieschen. Hoffentlich bekam er keinen Schlaganfall. Klara wies ihm mit ihrer Hand den Weg zum Auto.

„Machen Sie schon, wir halten hier nur unnötig den Verkehr auf.“

Als hätte sie es geplant, ging nun ein Hupkonzert los. Klara drehte sich um, winkte in die Runde und setzte sich hoch erhobenen Hauptes und mit rasendem Herzen wieder in ihren Fiat Uno. Im Rückspiegel sah sie, dass der Fahrer hinter ihr lachte. Wahrscheinlich hatte sie für den Höhepunkt des Tages gesorgt. Wenn sie Pech hatte, würde irgendein Idiot mit seinem iPhone alles auf YouTube hochladen. Der Volvomann knallte seine Tür zu und fuhr wild gestikulierend an Klara vorbei.

„Der dankt sicher bald mit einem Infarkt ab“, murmelte sie und ignorierte bewusst, dass die Ampel inzwischen wieder auf Rot gesprungen war und fuhr weiter.

Doch dann schnappte sie nach Luft. Wo war sie überhaupt? Und wo wollte sie hin? Der Feierabendverkehr stockte, verebbte wie die Wellen am Strand. Schnell kramte Klara in ihrer Handtasche, die neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Ihre Hände waren schweißnass. Vielleicht stand in ihrem Kalender, wo sie heute noch hin wollte? Ihre Finger zitterten. Sie schlug den altmodischen Papierkalender auf, von dem sie sich trotz Smartphone und Internet immer noch nicht verabschieden konnte. Sie hatte einen Termin beim Anwalt gehabt. Klara blickte wieder hoch, als die Autofahrer hinter ihr ungeduldig hupten. Verflixt, die Ampel war schon wieder umgesprungen.

Wo war sie? Ihre Stirn war feucht. Sie musste nach Hause. In die Viktoriagade. Ja, dorthin musste sie. Die Wohnung lag am Ende der Seen. Wie kam sie dorthin? Sie erlaubte sich einen Moment, die Augen zu schließen und atmete tief durch. Fahr einfach weiter. Ja, das würde sie machen. Sie würde einfach weiterfahren, bis sie wieder wusste, wo sie war.

Kurz darauf fiel ihr Blick auf das Codanhaus am Ende des Sct. Jørgens Sees. Endlich. Hier kannte sie sich aus. Ihr Unterhemd klebte an ihrem Rücken. Alles war gut. Jetzt kannte sie den Weg wieder, wusste, wo sie war in diesem Häusergewrimmel. Sie war fast da, dann würde sie duschen und sich frisch machen. Jetzt musste sie nur noch einen Parkplatz ergattern. Mit Schwung bog sie in die Stenosgade ein. Hinter der Kreuzung lag ihr wunderbarer kleiner Teesalon, aber um diese Zeit war er natürlich schon geschlossen.

Klara parkte. Sie zog den Schlüssel ab, schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, was sie heute gemacht hatte. Sie war beim Anwalt gewesen, um den Kaufvertrag für den neuen Teesalon zu unterschreiben. Müde massierte sie sich die Stirn. Ihr Herz raste. Genau, sie hatte schon alles mit Liv, ihrer Teilhaberin, besprochen. Sie hatten ganz genaue Vorstellungen. Die Eingangsfront sollte vollkommen verglast sein und den Blick auf den Øresund freigeben. Am Horizont würde man bei klarem Wetter hinter dem Charlottenlund Fort sogar einen Blick auf Schwedens Küste erhaschen.

Hinter dem Tresen würde ein weiß lackiertes Regal die ganze Wand ausfüllen, über und über mit Dosen voller exzellenter Teesorten bepackt. Auf Etageren türmten sich Livs verlockende Cupcakes. Sprödes Teegebäck und hausgemachte bittere Schokolade mit einem Hauch von Orange, Chili, Knoblauch oder Zimt lud zum Naschen ein. Vom Alter ergraute Holzdielen, runde Tischchen und behagliche Ohrensessel, das ganze Ambiente sollte Gemütlichkeit atmen. Sie wollten Atmosphäre schaffen und auf keinen Fall nur hippe und mondäne Leute ins Café locken. Gottseidank träumten Liv und sie von einem Ort, wo sich faltige Omis, Feinschmecker und Mütter mit Kindern zu Hause fühlten. Eine Oase mitten in der Stadt. Sie hörte fast schon, wie dort die Stricknadeln klapperten, das Porzellan sachte klirrte und leise Vertraulichkeiten geflüstert würden.

Ihr erster Teesalon hier in der Viktoriagade war ein Rückzugsort für alle, die eine Kanne Tee, Langsamkeit und das Leben liebten, und er hatte sich innerhalb kürzester Zeit als Insidertipp gemausert, aber nicht nur das. Der Teesalon war inzwischen auch eine Touristenattraktion.

Ohne Liv, ihre Schwägerin, hätte sie das niemals geschafft. Mit ihren Cupcakes, Sahnetorten, Muffins und Ingwerplätzchen hatte sie den Laden auf die Titelblätter der Gourmetzeitschriften gebracht, und Klara fragte sich fast jeden Morgen, wenn sie die Tür zur Küche öffnete, ob sie sich nicht doch lieber vorsorglich um eine Mitgliedschaft bei Weight Watchers kümmern sollte.

Erleichtert seufzte sie. Sie wohnte über dem Salon. Schon seit drei Jahren. Sie nahm ihre Schultertasche vom Beifahrersitz und stieg aus dem Auto. Der Wind, der von den Seen durch die Häuserschlucht strich, kämmte ihr die Haare aus der Stirn. Sie verriegelte den Wagen. Nachdem sie die Haustür aufgesperrt hatte, kletterte sie die Treppe zu ihrer Mansarde hoch. Endlich Schlussakkord nach einem turbulenten Tag. Jetzt brauchte sie ein gutes Buch, einen beruhigenden Schlaftee und eine kuschelige Decke, wenn es auf der Dachterrasse zu kühl wurde.

Sie stieg die Treppe hoch, atmete den vertrauten Geruch von Bohnerwachs und altem Holz.

Vor der Wohnungstür angekommen, runzelte sie die Stirn. Wo waren ihre Schuhe? Hatte sie heute Morgen vor der Arbeit aufgeräumt? Sie zückte den Schlüssel. Er passte nicht ins Schloss. Noch einmal. Wieder ein Fehlschlag. Sie betrachtete irritiert den Schlüsselbund in ihrer Hand. Ein Elefant mit hoch erhobenem Rüssel hielt den Ladenschlüssel und den Wohnungsschlüssel zusammen. Der Schlüssel war richtig. Die Tür auch. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als es noch einmal zu versuchen. Gerade in dem Moment wurde die Wohnungstür aufgerissen.

„Klara! Du? Komm rein.“

Liv stand, die Locken wirr verwuschelt, vor ihr. Ihre Lippen waren gerötet, so als hätte sie gerade ausgiebig geküsst. Ihr Bauch hatte inzwischen die Form einer kugelrunden Melone. Hinter ihr tauchte Rune in Jeans auf. Barfuß wie immer. Was machten die beiden in ihrer Wohnung?

„Wir haben gehört, dass jemand sich an der Tür zu schaffen machte.“

O je, Liv hatte sich wahrscheinlich geängstigt. Ob sie gedacht hatte, ihr Ex, Martin, der sie geschlagen hatte, stände auf der anderen Seite der Tür. Aber was machte Liv in ihrer Wohnung? Hatte sie gesagt, dass sie schon das Abendessen vorbereiten sollte? Klara runzelte die Stirn. Sie bekam die einzelnen Puzzleteile einfach nicht auf die Reihe.

„Warum seid Ihr denn hier? Haben wir noch was vor?“ Klara trat einen Schritt vor und streifte sich die Schuhe ab. „Lass mich mal rein.“

Liv runzelte die Stirn, trat einen Schritt zurück, und Klara schlüpfte an dem Bauch vorbei in die Wohnung. Es roch verführerisch. Sicher hatte Liv etwas Leckeres gekocht. Hatten sie abgemacht, dass sie heute zur Feier des Tages zusammen essen wollten? Hatte sie das auch vergessen? Aber warum war Liv dann so überrascht? Klaras Herz trommelte wie die Hufschläge eines wilden Pferdes, das der Gefangenschaft entgehen wollte. Mitten im Flur blieb sie stehen. Die Stille war quälend, die Erkenntnis reine Folter. „Das ist nicht mehr meine Wohnung, oder? Ihr wohnt jetzt hier?“

Rune legte ihr die Hand auf die Schulter. „Hast du das wirklich vergessen?“

Klara nestelte verlegen am Reißverschluss ihrer Jacke. „Ja, das muss mir tatsächlich entglitten sein.“

„Du arbeitest zu viel, Schwesterherz.“ Klara wollte protestieren, aber dann schloss sie den Mund. Es war besser, jetzt nicht zu viel Aufhebens um die Sache zu machen. Sie hörte, wie Liv in der Küche die Schranktüren öffnete und den Wasserhahn aufdrehte. Hinten im Haus bellte Mistel.

„Ab ins Wohnzimmer und setz dich. Liv hat doch letzte Woche deine alte Wohnung übernommen.“

Liv kam aus der Küche, ein Glas Wasser in der Hand, das sie ihr reichte. „Hier, trink das, dann geht es dir besser. Du siehst erschöpft aus.“

„Danke“, erwiderte Klara und trank in gierigen Schlucken, während sie Liv und Rune über den Glasrand beobachtete. Runes Augen waren schwarz vor Sorge; Liv dagegen musterte sie mit ihrem mütterlichen Blick. Klaras Hände zitterten so sehr, dass sie das Glas abstellen musste. Sie zwang sich zur Konzentration, atmete tief ein. Ihre Hände flatterten. Sie klammerte sich an die Handtasche, die auf ihren Schoss stand, hoffte dass Rune und Liv so nichts von ihrer Aufregung bemerkten. „Danke. Ich gehe dann jetzt. Ich will nicht stören.“

„So ein Quatsch, du störst nie.“ Rune schaute Liv an, die sofort nickte und sagte: „Iss doch mit uns. Ich hab Minestrone gekocht, und es ist genug da.“

Verwirrt rang Klara sich ein Lächeln ab. „Nein, danke, nicht heute. Auch wenn es herrlich duftet. Ich dachte mir gleich, dass du etwas Gutes auf dem Herd hast. Aber ich möchte jetzt einfach nur in meine Wohnung.“

„Ist schon okay, meine Liebe. Ging mit der Unterschrift alles gut?“

Natürlich, Liv wollte wissen, wie es ihr heute ergangen war. Warum hatte sie nicht daran gedacht? Warum führte sie sich so komisch auf? Was war los mit ihr? „Entschuldige, das hätte ich dir sofort erzählen sollen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Also, der Vertrag ist im Fach und alles gut. Jetzt steht nur noch der Umbau an. Ich erzähle dir morgen mehr.“ Ihr Kopf fing wieder an zu pochen. „Ich habe Kopfschmerzen und ziehe mich jetzt zurück.“ Sie stand auf. Mistel richtete sich auf und tapste hinter ihr her. Rune folgte ihr in den Flur und nahm seine Jacke von der Garderobe.

„Ich bring dich nach Hause.“

„Rune, mach jetzt bloß keinen auf Aufpasser.“

„Und ob ich das mache. Das ist das Privileg des großen Bruders.“

„Liv, bitte, sag doch was.“ Klara drehte sich um und suchte Lies Blick. Liv lehnte im Türrahmen, die Hände in den Rücken gepresst. Sie sah so müde aus. Sicher hatte sie wieder schlecht geschlafen mit dem Bauch und dem Fußballtraining, das Junior immer in ihrem Bauch veranstaltete.

„Rune hat recht. Wir wollen wissen, dass du gut daheim ankommst. Du solltest dir dringend eine Auszeit gönnen.“ Liv schenkte Klara ein warmes Lächeln.

„Ach ja? Wie stellst du dir das vor? Wir haben gerade einen neuen Laden gemietet. Wie soll ich da an eine Auszeit denken? Du bist schwanger, und wir haben einen Eröffnungstermin, den wir einhalten müssen.“

Ein Schatten glitt über Livs Gesicht. Verflixt, was hatte sie sich nur dabei gedacht? Ihre Zunge war wieder Achterbahn gefahren, statt auf die Bremse zu treten. Das passierte ihr in der letzten Zeit viel zu oft. Verflixt! Es half doch nichts, wenn die Reue wieder hinter ihrer Einsicht herhinkte. Liv drückte sich nie vor der Arbeit, auch jetzt nicht, wo sie hochschwanger war. Liv war wirklich nicht das Problem. Das Problem war sie selbst.

„Ach, verdammt Scheiße, ich bin heute ja noch ungenießbarer als ein Zitronenschnitz. Tut mir leid, Liv“, flüsterte sie heiser und umarmte ihre Schwägerin. „Ich bin heute wohl neben der Spur. Es war ein langer Tag.“

„Also, ich mag Zitronen sehr gern und dich auch. Was ist los, Liebes?“ Liv nahm ihre Hand und drückte sie. Wie schaffte sie es nur, so fürsorglich zu sein, wo sie selbst so schlecht schlief?

„Nichts ist los“, erklärte Klara entschieden. „Glaub mir. Ich brauche nur eine Badewanne und eine Mütze Schlaf.“

„Wenn du es sagst …“ Liv musterte sie einen Moment lang und schüttelte den Kopf. „Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Du machst dir doch was vor. Klara, weißt du was dir fehlt?“

„Ein Bett und Stille, keine klugen Kommentare, bitte.“ Klara öffnete die Tür und schlüpfte in ihre Schuhe.

„Den bekommst du trotzdem, sozusagen gratis. Du bist reif für die Insel. Gönn dir ein paar Tage auf Mallorca. Rune und ich haben uns dort so gut erholt …“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, unterbrach Klara sie erstaunt. „Mallorca und Ballermann? Das fehlte gerade noch.“

„Nun, Mallorca ist nicht gleich Ballermann“, warf Rune ein. „Es gibt dort ganz schnuckelige Dörfer und unberührte Strände. Glaubst du, Liv hätte mich sonst dorthin verfrachten können?“

„Aber klar doch. Du hast doch nur noch Augen für sie.“ Verflixt, ihre Stimme war viel zu schrill. „Das ganze Drumherum ist dir doch egal.“

Rune runzelte besorgt die Stirn. „Liv hat recht. Du bist so angespannt, Klara, dass du einfach mal eine Auszeit brauchst. Das geht doch so nicht weiter.“

Klara schulterte ihre Tasche. Eine Auszeit! Fliegen! Das war der reinste Horror. Sie überlegte fieberhaft, wie sie dieser Strafexpedition entgehen konnte. „Wenn ich überhaupt irgendwohin fliegen würde, dann ganz sicher nicht nach Mallorca, sondern … Ich würde einen unbekannteren Ort vorziehen.“

„Dann flieg auf die Azoren …“

Sie musste weg hier. Liv und ihre Inseltouren. Sie liebte Inseln in allen Größen, und wenn sie nicht Konditorin wäre, müsste sie in einem Reisebüro für Inselfreaks arbeiten.

„Egal wohin, Hauptsache du trittst jetzt mal auf die Bremse und gönnst dir eine Auszeit.“

„Aufhören! Das stresst mich. Ich geh heute früh ins Bett, und dann kümmere ich mich in den nächsten Wochen um die Renovierung des neuen Salons. Echt, ich habe genug zu tun. Urlaub steht absolut nicht auf meinem Programm.“

„Klara!“

Wenn Rune ihren Namen so aussprach, war er richtig genervt, weil sie sich dumm anstellte. Und sofort fühlte sie sich wieder wie die kleine Schwester, die er bei einer Dummheit entdeckt hatte. Sie hatte verflixt noch mal genug Sorgen. Sie brauchte dieses miese Gefühl nicht.

„Was ist denn jetzt noch?“ Sie hatte die Tür schon geöffnet und stand im Treppenhaus. „Wenn ich nicht bald wegkomme, wird das nichts mit dem ausschlafen.“

„Henrik und ich kümmern uns um die Renovierung. Und du machst bis zur Eröffnung frei.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht!“ Sie schüttelte den Kopf und sprang die ersten Stufen hinunter. „Schönen Abend noch, wir sprechen uns morgen!“

Aber da war Rune schon hinter ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und hielt sie fest.

„Doch. Wenn du so weitermachst, fällst du nach der Eröffnung um. Und wer hat dann was davon?“

Sie seufzte. Immer dieses Big Brother Syndrom. Sie war es so leid. Eine bleierne Müdigkeit drückte auf ihre Schultern. „Ich muss los.“

„Wir sprechen uns noch, Schwesterherz.“

„Ja, fürchte ich auch …“